Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 64.1913-1914

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In 3 bis 12 Monaten Werkmeister unö Naumkunstler

von herm. weiß

Spekulative Menschen haben einen scharfen
Blick für Unternehmungen, die dem berühmten
„tiefempfundenen Bedürfnis" entsprechen und da-
her „zeitgemäß" und ertragsfähig find. Rein Wun-
der also, daß auch das neuzeitliche Runftgewerbe
durch sein starkes pervortreten in die Öffentlichkeit
und feine Blendkraft manche Leute dazu anreizte,
auch darin einmal ihr peil zu versuchen.

Geschickte Geschäftsleute haben sich u. a. die
Ausbildung von Runstgewerbezeichnern und Werk-
führern vorgenommen. Sie gründeten private
Schulen und machen trotz der zahlreichen öffent-
lichen Anstalten gute Geschäfte damit. Ja, es er-
scheint beinahe so, als ob der gewaltige Aufschwung
unseres staatlichen und kommunalen Schulwesens
erst die Vorbedingungen für das Florieren der
privaten Schulen schuf. Sie konnten von dem
reichlich fließenden Strom Bildungsbeflissener durch
geschickte Manipulationen einen erklecklichen Teil
auf ihre Mühlen ablenken.

Ls ist ganz auffallend, wie flott sich z. B. die
privaten Tischlerfachschulen, von denen
in Deutschland gegenwärtig an die 8—(0 existieren,
entwickelten. Ihre, noch ständig im wachsen be-
griffene Schülerzahl ist ganz enorm. So unterrichtet
z. B. die Süddeutsche Schreinerfachschule in Nürn-
berg fast ständig ZOO—1.20 Schüler in ihren Räumen;
jährlich gehen weit über (00 Schüler nur von dieser
einen Schule ab, um sich nunmehr ihr Brot als
Zeichner oder Werkführer zu verdienen oder ins
väterliche Geschäft einzntreten. So schicken sich die
Privatschulen an, den öffentlichen Anstalten eine
recht empfindliche Konkurrenz zu machen. Dazu
benutzen sie als wirksamstes Hilfsmittel die Reklame.
Sie versprechen z. B. in den Anpreisungen in der
Regel, die Schüler innerhalb drei Monaten zu tüch-
tigen Werkführern, in 6 bis \2 Monaten aber zu
Innenarchitekten und Raumkünstlern zu machen.
Da ist es kein Wunder, wenn diese garantierte
Fixigkeit zum Besuch der Schulen verlockt und daß
heute in den Kreisen der Tischler- und Bildhauer-
gehilfen, die am meisten dafür in Betracht kommen,
die Meinung ganz allgemein verbreitet ist, daß
Yz bis \ Jahr Ausbildung genügen, um ein per-
fekter Möbelzeichner zu werden.

Das muß nachdenklich stimmen. Alle ernsthaften
Interessenten des Kunstgewerbes betrachten die
Entwicklung des kunstgewerblichen Schulwesens als

eine eminent wichtige, öffentliche Angelegenheit,
die sie mit gespannter Aufmerksamkeit verfolgen.
Es hat im Laufe der Zeit eine durchgreifende Ände-
rung erfahren. Mit Eifer und großer Gewissen-
haftigkeit wurde allmählich eine Reform an Paupt
und Gliedern vorgenommen, um einen Nachwuchs
heranbilden zu können, dessen gründliche technische
und geschmackliche Erziehung den Fortschritt und
Aufstieg unseres Kunstgewerbes garantieren. Die
privaten Tischlerfachschulen sind aber unbekümmert
darum ihre eigenen Wege gegangen und haben die
Errungenschaften des neueren Schulwesens ein-
fach ignoriert, wenn sie dabei nur ein unbedeuten-
des, kümmerliches Dasein führten, könnte man viel-
leicht nichtachtend daran vorbeisehen. Da sie aber
bereits einen sehr erheblichen Teil des kunstgewerb-
liches Nachwuchses ausbilden, müssen auch sie von
der Öffentlichkeit scharf kontrolliert werden. Es muß
geprüft werden, inwieweit diese Schulen nötig,
zweckmäßig und nützlich sind, und wie gewisse Aus-
wüchse, die sich zweifellos zu einer Gefahr für die
gesunde Weiterentwicklung unseres Kunstgewerbes
auswachsen, beseitigt werden können. Man darf
eben nicht übersehen, daß heute der Großteil der
Entwürfe, die im Kunstgewerbe zur Ausführung
kommen, von den Kunstgewerbezeichnern stammt
und daß es daher nicht gleichgültig ist, wie es um
ihre Ausbildung bestellt ist.

Es ist an sich gut denkbar, daß private Schulen
eine gesunde Konkurrenz öffentlicher
Lehranstalten werden können, wenn sie gewissen-
haft und nach großen Gesichtspunkten geleitet
werden. Sie müssen im ständigen Kampfe um die
Existenz gewisse, praktische Lehrmethoden, die den
Lehrstoff gewissermaßen im Extrakt geben, ausbilden,
um die Dauer des Unterrichtes innerhalb gewisser
Grenzen zu verkürzen. Durch kurze Lehrkurse ent-
steht eine sehr ins Gewicht fallende Zeitersparnis
und damit eine erhebliche Verbilligung des Unter-
richtes. Das haben die jetzigen Privat-Tischlerfach-
schulen anscheinend auch schon erreicht. Trotzdem
sie ein ziemlich hohes Schulgeld erheben (die meisten
nehmen 30 M. im Monat), stellt sich die Gesamt-
summe der Ausgaben für die Ausbildung scheinbar
bedeutend niedriger als bei den öffentlichen Schulen,
weil die Ausbildungszeit sehr viel kürzer ist. Die
meisten Besucher dieser privatschulen sind Leute,
deren Mittel gerade noch zu einem solchen kurzen

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