Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 64.1913-1914

Page: 175
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mußte, so konnte er sich doch in der Zeichnung ent-
falten. Line Zeichnung hat, wie eine Handschrift,
etwas von unmittelbarer Mitteilung an sich, sie ist
eine unmittelbare Medergabe der bildmäßig ge-
faßten Vorstellung, Notiz, Epigramm oder Ge-
legenheitsgedicht. Solche Gelegenheitsgedichte eines
poesievollen Humoristen sind Bradls Neujahrs-
wunschkarten, die er, einem alten und schönen
Brauche treu bleibend, jedes Jahr an seine Freunde
und Bekannten schickt. Und es bleibt dann meistens
nicht bei der Zeichnung allein, sondern Bradl
schmiedet dann auch regelmäßig Verse dazu, oft
köstlichen Inhalts. Der beliebte Endreim ist und
bleibt natürlich immer Jakob Bradl.....

In diesen kleinen bescheidenen, aber überaus köst-
lichen Äußerungen seiner Muse liegt der ganze
Bradl mit seiner herzbezwingenden Heiterkeit,
seinem sinnigen Ernst und seiner reifen Künstler-
schaft.

werkbunö und Handel

von Friedrich Naumann sSchluß)

Der Werkbund selber betreibt keine Geschäfte, be-
zieht keine Provisionen, hat keine eigenen Erwerbs-
absichten. Er ist also in keiner weise eine Kon-
kurrenz für den Kaufmann und kann deshalb frei
um das Vertrauen aller Beteiligten werben.

Ein Gegenstand künstlerischer Bemühungen ist der
Verkaufsraum selber, sowohl seine innere
Einrichtung wie insbesondere das Schaufenster. In
dieser Hinsicht kann und muß anerkannt werden,
daß sehr bedeutsame Fortschritte gemacht sind.
Sowohl bessere Warenhäuser wie gute Spezial-
geschäfte verwenden große Sorgfalt auf Feinheit
und Harmonie ihrer äußeren Erscheinung. Aber
es kann sicher noch weit mehr getan werden. Mit
der Hebung der Warenqualitäten steigt die Gesamt-
erscheinung von selber, aber sie muß auch außerdem
mit Absicht gepflegt werden. Ls liegt die Gefahr
vor, falschen Glanz zu verwenden, wer kennt nicht
Einrichtungen, bei denen man nur sagt: was kostet
alles!? Oft ist das sicherlich nur Ungeschick, nicht
irriger Fehler. Da hat der Werkbund die Aufgabe,
gute Beispiele allgemein bekanntzumachen; und
dieser Iahresband bietet darin mancherlei.

Das Schaufenster ist ein wichtiges Stück der Ge-
samterscheinung unserer Städte, hier wirkt der
Kaufmann als Künstler und nicht nur als Vermittler.
Vor seinen Glasscheiben lernen Frauen und Männer,
was schön ist. was sie aber bisher lernen, ist oft
nur ein Mischen der verschiedensten Erzeugnisse

Schade, daß ihn seine Berufung zum Direktor der
Schnitzschule in Oberammergau uns entführt. Er
war eine so heimische Erscheinung in München
unter unfern Künstlern und in den ihm nahestehen-
den Gesellschaften, vor allem im Bayerischen Kunst-
gewerbeverein. wenn er jetzt von München scheidet,
begleiten ihn die besten wünsche in seinen neuen
Wirkungskreis. Die Oberammergauer haben es gut,
sie bekommen nicht nur einen in der Holzbildhauerei
wie wenige erfahrenen und erprobten Künstler zum
Direktor, sondern auch noch obendrein einen Künstler,
der ihnen die wertvollste Hilfe sein kann bei ihren
besonderen Unternehmungen.

Möge ihm der Aufenthalt unter diesem künstlerisch
begabten Volke und in der schönen Natur zu einer
„künstlerischen Sommerfrische" werden; er könnte
uns dann noch viel Schönes bescheren. Dies unser
herzlichster Wunsch.

Alexander Heilmeyer.

ohne inneren Zusammenhang. Auch das kann gut
gemacht sein, höher aber steht die Erziehung zur
Einheitlichkeit. Man braucht im Fenster nicht alles
zu zeigen, was man hat, wenn man nur zeigt,
daß man etwas Gutes hat. So entsteht ein neuer
Beruf: Die Malerei mit den schönen Dingen, die
Architektur der vielgestaltigen waren,
während der industrielle Unternehmer seine Be-
triebsräume zwar im ernsthaften Sinne des Wortes
schön machen kann — aber nicht muß, wird für
den Kaufmann mit steigender künstlerischer Bildung
des Volkes die schöne Herstellung und Ausstattung
der Verkaufsräume zur geschäftlichen Notwendig-
keit. Sie kommt für ihn nicht auf das Konto
für Nebenausgaben, sondern steht direkt in der
Lrwerbskalkulation. Schönheit ist in diesem Falle
nützlich, etwa so wie es früher und jetzt zum Herr-
scherberuf gehörte, etwas fürstlichen Prunk zu
zeigen. Der bessere Kaufmann kann nicht auf-
dringlich im gewöhnlichen Sinne des Wortes sein
und will doch stärker wirken als sein aufdringlicher
Mitbewerber, was also soll er tun? Er macht aus
allem, was er verkauft, eine Art Gedicht, wer ein
Auge für Schaufenster hat, braucht gar nicht erst
in ein Ausstattungstheater zu gehen.

Und wir glauben sicher, daß die künstlerischen Be-
mühungen um Verkaufsräume und Schaufenster
ganz von selber zur Erziehung der Geschäftsein-
käufer und damit auch der Grossisten und Fabri-

Aunst und Handwerk. 6H. Iahrg. Heft 7.

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