Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 64.1913-1914

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Schnelldampfer „Kronprinzessin Lecilie". Professor R. Riemerschmid. Kaiserzimmer. Intarsien in den kleinen Füllungen der Möbel

Runst unS Schiffahrt

Als im Jahre lsyor der Norddeutsche Lloyd
dank der Initiative seines damaligen General-
direktors Dr. Heinrich Wiegand der modernen
Raumkunst Eingang auf seinen Schiffen verschaffte,
blickte das gesamte deutsche Kunstgewerbe mit be-
rechtigtem Interesse auf die Resultate jenes ersten
Versuches, der der Ausstattung einer Reihe von
Luxuszimmern auf dem Schnelldampfer „Kron-
prinzessin Lecilie" nach modernen Gesichtspunkten
gerecht werden sollte. Alan kann heute sagen,
daß dieser versuch die Einleitung einer neuen
Epoche in der künstlerischen Ausstattung von
Schiffsräumen bildete, einer Epoche, die wesentlich
abwich von der Schiffsarchitektur früherer Zeiten,
wenn wir zurückblicken auf die Schiffe zur Zeit
unserer Großväter, so finden wir nichts auf ihnen,
was irgendwie Anspruch auf künstlerischen wert
erheben könnte. Die Hassagiereinrichtungen, selbst
für die I. und II. Klasse, zeigten auf allen Dampfern
fast übereinstimmend dieselbe Anordnung, die
II. Klasse im Vorschiff, die I. Klasse im Hinter-
schiff. Die Anordnung der Salons, in Gestalt
langgestreckter, schmaler Räume, blieb überein-
stimmend in der Längsrichtung des Schiffes;
zu beiden Seiten erstreckten sich Kabinen I. und
II. Klasse. Außer dem Salon gab es nur je ein
kleines, dürftig ausgestattetes Rauchzimmer für
beide Klassen und ein sogenanntes Damenzimmer
für die I. Klasse, welches häufig nur vom ersten
Salon aus zugänglich und von diesem abgeschlagen
war.

von dem Glanz und der Pracht der Räume der
letzten Jahrzehnte nirgends eine Spur! Glatte,
lackierte wände, zu Anfang der achtziger Jahre
häufig aus schönem naturreinen Holz, schlossen
den Speisesaal ab, der an Möbeln nur die Längs-

tafeln enthielt, zu deren beiden Seiten auf den
älteren Schiffen Bänke mit überklappbaren Lehnen,
bei den Schiffen zu Anfang der achtziger Jahre
Drehstühle befestigt waren. Die Ausstattung ver-
vollkommneten an den Seitenwänden eine Anzahl
Sofas, meist mit einem recht dauerhaften, aber
wenig schönen Roßhaargeflecht überzogen und der
Raumverhältnisse wegen so schmal, daß eine Be-
nutzung als Sitzmöbel kaum vorausgesetzt werden
konnte. Die Ausstattung der II. Klasse war natür-
lich noch primitiver. In dieser sich überall wieder-
findenden gleichmäßigen Ausstattung, in die höch-
stens die Farbe oder hin und wieder die Verwendung
von Edelhölzern und Vergoldung eine kleine Ab-
wechslung hineinbrachte, rief die Einstellung des
ersten Bremer Schnelldampfers, der „Elbe", eine
vollkommene Umwälzung hervor. Die Erwägungen,
von denen der damalige Leiter des Norddeutschen
Lloyd, Lohmann, bei dieser Umwälzung ausging,
zogen vor allen Dingen die transatlantische Fahrt
inBetracht und damit den Umstand, daß derKajüten-
passagier gerade auf dieser Fahrt nur zu häufig
genötigt war, sich unter Deck aufzuhalten. Das
leitende Prinzip bei der Umgestaltung der Innen-
ausstattung war, Räume zu schaffen, welche mit
völliger Behaglichkeit, mit der Durchführung bester
Ventilation nicht nur in ihrem Größenverhältnis,
sondern auch in ihrer inneren Ausstattung das
Schiff als solches vergessen ließen, welche ferner
durch die Entfaltung eines sich immer mehr ver-
größernden Luxus und durch die Verwendung
der modernen Kunstgewerbe die Salons nicht mehr
als Notbehelf für das Einnehmen von Mahlzeiten,
sondern als gesuchten Aufenthaltsort, als wirklichen
wohnraum erscheinen lassen sollten, in welchem
künstlerische Betätigung auch einem verwöhnten

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