Morgenblatt für gebildete Stände / Kunstblatt — 11.1830

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IGO

licke Kind ist, welches wir in der bekennten, durch Wil-
le's Meisterstich vervielfältigten Instruction paternellc ab-
gewendet erblicken und dem wir so gern znrnfen möchten,
sich doch gütigst umzukehren und uns das Anschauen sei-
nes Liebreizes auch von vorn zu gönnen.'

Die Nachbildungen dieser Gemälde auf Stein, welche
bei den ersten beiden Blattern Herr Last, bei dem dritten
nach Netscher Herr Vos besorgt hat, lassen, was Treue
und Correktheit der Zeichnung, so wie Reinheit der Um-
risse betrifft, überhaupt Vorzüge der jezt lebenden hollän-
dischen Künstler, nichts zu wünschen übrig. Nicht in
gleichem Grade vorzüglich ist die lithographische Ausfüh-
rung , meistens in Vergleich mit Strirners Leistungen
und den Arbeiten der französischen Stemzeichncr, indem
die Schatten zwar klar gehalten sind, aber hin und wieder
doch noch mehr Tiefe und Schwärze in den dunkelsten
Stellen wünschen lassen, namentlich in dem zweiten Blatte
nach Mieris, wo hingegen wieder die Ausführung des
Atlasses auf dem dritten Blatte, in dessen Darstellung
bekanntlich Netschers dem Terburg nur wenig nachsteht,
«IS ganz besonders gelungen hervorgehoben werden muß.

Wäre hier von Nachbildungen einzelner Gemälde die
Rede, als einzelnen für sich bestehenden Leistungen, und
der Zweck der Herausgabe dieses Werkes zunächst nicht,
die Kenntniß der Hanptbilder dieser Gallerte allgemeiner
zu verbreiten, so wäre wohl die Frage hier-nicht mit
Unrecht aufzuwerfen, welche Werke dieser Schule sich denn
vorzüglich zu Nachbildungen auf Stein oder Kupfer eig-
nen? Die Bilder dieser Meister können nämlich den Be-
schauer in zwiefacher Hinsicht ansprechen; entweder durch
die Heiterkeit und Naivetät der Darstellung, oder durch
die Wahrheit und Harmonie des Colorits und die höchst
sorgsame und fleißige technische Vollendung der dargestell-
ten Gegenstände, worin sich denn die sogenannten Klein-
meister Dow, Mieris, Metzü, Flink u. ganz besonders
auszeichnen, indem sie mit dem Pinsel oft mehr schreiben
und zeichnen, als malen. Diese lezteren Vorzüge kann
in der Regel der Nachbildner nicht wieder geben; und bat
also ein Bild eines solchen Meisters nur allein dieses Ver-
dienst, spricht nicht auch der dargestellte Gegenstand selbst
reizend und gefällig an, so dürfte wohl dem Nachbildner
zu rathen seyn, seine Knust und sein Talent lieber einem
andern Werke dieser Meister zuzuwenden, worin sich beide
Vorzüge vereinigen. Vergleichungen der Nachbildungen
großer Vorgänger führen hier am leichtesten auf den rich-
tigen Pfad. Man vergleiche z. B. Wille's Tricoteuse
lioilandaise nach Mieris mit dem'Seitenstücker der Oa-
icttiere hollandaise nach Terburg, und man wird finden,
daß Wille in dem lezteren Blatte vergeblich sich abgemüsst
hat, eine ansprechende Nachbildung zu Stande zu bringen,
während in dem ersteren Blatte das liebliche Gesicht auch

ohne die mühsame technische Vollendung schon an sich selbst
alle Herzen gewinnen würde. Eine solche blos durch das
technische Verdienst des Meisters bemerkenswerthe und da-
her zur Nachbildung nicht besonders zu empfehlende Dar-
stellung würde das zweite Bild dieser Lieferung seyn, wenn
uns die Kenntniß abginge, daß der Maler in dem Bilde
sich selbst und seine Gattin in behaglicher häuslicher Ruhe
dargestellt hat, das historische Interesse also wegfiele. Denn
den Reiz der Farbe muß die Nachbildung entbehren; In-
teresse kann ihr also nur, da die Scene an sich trivial ist,
eine besondere Schönheit oder Liebreiz der Frau verleihen^
Dieser umschwebt aber die gute Frau Mieris nur in ge-
ringem Grade, und so würde die Nachbildung uns kalt
lassen, während von der ersten Nachbildung, die Depesche
nach Terburg, überhaupt der gelungensten in dieser Liefe-
rung, das Auge sich schwer von den lieblichen Formen der
Frau und der stattlichen Männlichkeit des Feldobersten
loszureißen vermag, obgleich die dargestellten Personen
historisch völlig unbekannt sind.

In diesem Punkte ist daher dem Nachbildner nicht
genug Unbefangenheit und Vorsicht bei der Wahl seines
Vorbildes zu empfehlen, und gewiß würden wir von einer
großen Anzahl werthlvscr Nachbildungen uns befreit sehen,
wenn die nachahmenden-Künstler nicht diese Prüfung so
häufig vernachlässigt, besonders aber die Eigenthümlichkeit
ihres Materials besser in Erwägung gezogen hatten, wel-
ches allein die Form, nicht aber die Farbe wieder geben
kann, folglich alle Bilder, welche nur das Verdienst der
Farbe und der malerischen Technik für sich haben, von
selbst aus dem Gebiete der Nachbildung ausschließt.

Die äußere Ausstattung des Werkes ist der hohen
Beschützerin würdig; nur könnten die kurzen Nachrichten
über die Lebensumstände der Meister, welche immer jeder
Nachbildung,in holländischer und französischer Sprache bci-
gegeben sind, füglich weggelassen werdest, denn sie be-
schränken sich größtentheils auf nicht viel mehr, als auf
die Angabe des Geburts - und Todesjahrs und können
wegen ihrer Kürze das geistige und Künstlerleben der
Meister kaum andeuten. Sie vertheuern also ohne Noth
das von allen Kunstfreunden gewiß ungern entbehrte Werk,
von dem jede Lieferung in Holland 6 G. 5u C., in Deutsch-
land ungefähr i 'Rthlr. zu stehen kömmt *).

Nbg.

Jmr. _

*) So eben sind auch die zweite und dritte Lieferung er-
schienen.
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