Morgenblatt für gebildete Stände / Kunstblatt — 11.1830

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N°. i]

K u n st - B l a t t.

Dienstag, 9. Februar 1 8 3 o,

U e b er Glasmalerei.

Brogniart, Direktor der königlichen Pvrzellanmanu-
faktur zu Sevres und Mitglied der Akademie, hat un-
längst ein Werk über die Glasmalerei herausgegeben *).
In einer folgenden Schrift verspricht der Verfasser das
Verfahren, auf Glas zu malen, zu beschreiben. Der ge-
genwärtige Band beschäftigt sich blos mit der Geschichte
der Glasmalerei. Diese ist bekanntlich sehr alt. Wenig-
stens kann historisch nachgewiesen werden, daß der Abt
Gotzbert von Tegernsee bereits im Jahre 983 von einem
Grafen Arnold gemalte Fensterscheiben erhielt. Ich ver-
muthe, daß sie aus Griechenland über Italien zu uns
kamen. Wenigstens hat der verstorbene Bibliothekar Mo-
retti zu Venedig aus einem sehr alten Koder der Biblio-
thek Nani nachgewiesen, daß die Griechen die Kunst be- \
saßen, das Glas fein, durchsichtig und auch von mehreren
Farben zu machen, und daher auch mehrfarbige Trinkglä-
ser hatten **).

Der Presbv la Theophilus, welchen Lessing in seiner
Abhandlung über das Alter der Oclmalerci citirt, handelt
auch von der Glasmalerei. Cr lebte im Ilten Jahrhun-
dert. Le Vieil sagt, daß die ältesten Glasmalereien an
Frankreich aus dem I2ten Jahrhundert sepen. So alt
werden auch die ältesten italienischen angegeben. Deutsch-
land hätte demnach die ältesten gehabt. Und wer weiß, >
ob nicht die Fortpflanzung dieser Kunst zuerst auf deut-
schem Boden geschah? Verloren war das Geheimniß der
Kunst übrigens nie, wenn sie selbst auch nicht mehr geübt
wurde. Außer dem genannten Theophilus haben Vasari,
Neri, unser Kunkel, der lezteren übersezte und kommcn-
tirte, endlich Le Vieil darüber mehr oder minder aus-
führlich geschrieben.

In England pflanzte sich die Glasmalerei in den Fa-
milien Jarvis und Forrester ununterbrochen fort. Iarviö

Brogniart me'moires sur la peinture sur verre.
Paris Sellique 1829. 8.

*») C. A. Marin Storia civile e politica dcl Commercio
de’ Yeneziani. P. III, p. 223.

malte für die königliche Kapelle zu Windsor und für
Orford mehrere Fenster *). Diese Malereien sind aus
dem 1 steit Jahrhundert. Sie haben aber den Fehler, daß
das Glas zu dunkel ist und die, Malereien ein schwärz-
liches Ansehen haben.

Broguiart führt unter den jezt lebenden Glasmalern
nur folgende auf:

Unter den Franzosen: Robert und Mortelegier.

Unter den Engländern: Collins.

Unter den Schweizern: Müller zu Bern.

Deutschland scheint er vergessen zu haben, was ihm
eben nicht übel zu nehmen ist, da es zur Erbsünde der
Franzosen gehört, Deutschland sowohl in geographischer,
als historischer und literarischer Beziehung grvßtenthcils zu
ignoriren. Und doch hat sich in unserem Vaterlande, be-
sonders in dem südlichen Theile desselben, die Glasmalerei
gewiß am längsten erhalten. Von Basel bis Konstanz
findet man auch an beiden Rheinufern noch jezt die mei-
sten und schönsten Glasmalereien in Kirchen, öffentlichen
und Privathäuscrn. Von Freiburg rede ich nicht, dessen
herrliches Münster so reich an trefflichen Glasmalereien
ist. Allein es ist der Mühe werth, von der neuesten Zeit
zu sprechen, nämlich vom neunzehnten Jahrhundert.

Schon im Jahr 1802 sezte das Oberamt Urach das
Publikum davon in Kenntuiß, daß der Ainugießer Ivh.

B. Bühler zu Urach die Kunst der asten Glas-
malerei wieder erfunden habe. Die gleiche An-
zeige stund im vierten Stück des Verkündigers und
im ersten des schwäbischen Korrespondenzblatts vom glei-
chen Jahre. Damals wurde im schwäbischen Landboten,

St. 5., welcher zu Meersburg erschien, bemerkt, daß die ,
Kunst der Glasmalerei eigentlich nie ganz untergegangen
sey, und sich namentlich in England erhalten habe.

Auch im Kloster zu St. Blasien wurden Versuche
mit der Glasmalerei gemacht, welche zu den gelungenen
gehört haben sollen. Ich habe jedoch keine Proben davon
gesehen, und kann daher kein Urtheil darüber fällen.

*) Gothaer Alinanach für i7s5.
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