Morgenblatt für gebildete Stände / Kunstblatt — 11.1830

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N°. 22.

K u n ft - B l a t t.

Donnerstag, 18. März i 8 3 o.

Beiträge zur Geschichte und B e u r t h e i-
l u n g der T v d t c ii t ä n z c.

Von Carl G r ü n e i s e n.

Die nachstehenden Andeutungen stützen sich auf die
geschichtliche Grundlage, welche die Literatur der Todten-
tänze in den bekannten deutschen Werken Fiorillo'S *)
und Ulrich Hcgner's **) und in der in Deutschland
weniger gekannten Schrift: Rechcrches historiques et lit-
te’raires sur les Danses des Morts et sur Porigine des
Cartes a dotier. Ouvrage orne' de cinq lithographies et
de vignettes. Par Gabriel Peignot (Dijon, Victor
Lagier, Libraire. Paris, Menu Maison, Rue Hautcfeuille
No. 5. MDCCCXXVI) besizt. Was ich zu der Anzahl von
Todtcntänzen, welche in den genannten Büchern mit be-
wundernswürdigem Fleiße zusammengetragen ist, hinzuzu-
fügen vermag, ist von weniger Bedeutung; doch mag es
immerhin zur Vervollständigung des Coder der Todten-
tänze dienen, ein solches Werk, welches die öffentliche Bi-
bliothek zu Stuttgart anfbewahrt, das Erzeugnist klöster-
licher Geschmacklosigkeit aus den spätesten Zeiten, zur all-
gemeinen Kenntniß zu bringen. Allein weit wichtiger
noch erschien es mir, die verschiedenen geschichtlichen Un
tcrsuchungen jener Vorgänger unter sich zu vergleichen,
ihre einzelnen Resultate und ihre Ansicht von dem Ur-
sprung und Charakter der mittelalterlichen Todtentänzc zu
prüfen und eine erschöpfende Beurtheilung dieses Kunst-
gegenstandes zu versuchen, welcher durch sein Alter und
namentlich durch seine allgemeine Verbreitung in Gemäl-
den, Schnitzwerken, Stichen und Drucken vom Ende des
dreizehnten Jahrhunderts an, besonders durch das sechs-
zehnte hindurch, und auch noch in später» Zeiten daS In-
teresse kunstgeschichtlicher Forschung in hohem Grade in

*) Geschilpte der zeichnenden Künste in Deutschland und
den vereinigten Niederlanden, IV. Band, S. 117 ff.

»->) Hans Holpein der Jüngere (Berlin, 1827) S- 296 ff.;
damit vergl. den schätzbaren Aufsatz des Freiherr» von
Ruinohr im Kunstblatt 1820 No. -81 — 84, mit den
Nachträgen No. 48 von, demselben, No. 5g von Hrn.
Peter Fischer in Basel und No. 80 von Rumohr.

Anspruch nimmt. Die neuesten Bearbeiter stimmen zwar
dem Wesentlichen nach in ihren Ansichten überein. Aber
sämmtlich scheinen sie mir die Sache nicht ergründet, theils
nur an der Oberfläche, theils einseitig sie angefastt zu ha-
ben. Ein so weit verbreiteter Gebrauch, wie der der
Todtentanzgemalde im christlichen Mittelalter, darf nicht
blos aus seinen ästhetischen Merkmalen und aus den näch-
sten geschichtlichen Beziehungen, sondern er muß im Ver-
gleiche mit der Physiognomie des Jahrhunderts, in dem
er entsteht und sich weiterbildet, mit der Bildungsstufe
der Nationen und namentlich mit dem religiösen Leben
und dem kirchlichen Zustande, neben oder vielmehr in wel-
chem er gedeiht, seine volle Erklärung finden. Allerdings
haben darauf jene Schriftsteller Rücksicht genommen. Aber
sie haben es nicht mit genügender Erschöpfung gethan.
Was bei ihren Erklärungen immer noch unerklärt geblie-
ben ist, ist daS komische Element jener bildlichen Compo-
sitionen in seiner cigenthüinlichen, bald harmlosen, bald
sarkastischen und polemischen Mischung mit dem Ernsten
und Schauerlichen. Ob cs mir gelungen se», diese son-
derbare Erscheinung im Geiste der Zeit und des damali-
gen Glaubens und Cultus zu lösen, wird eine aufmerk-
same und strenge Prüfung der von mir beigebrachten Be-
weisgründe lehren. Dabei habe ich versucht, auch aus
ästhetischem Gesichtspunkte der Composition und Behand-
lung die ausgezeichnetsten unter den vorhandenen Tvdtcn-
tänzen des sechszehenten Jahrhunderts mit einander zu
vergleichen, und namentlich dem großen Meister von
Bern, Nie laus Manuel, den noch lange nicht allge-
mein genug anerkannten Kranz zu sichern. Mag hier im-
merhin Manches dem subjektiven Standpunkte des Beur-
theilers anheimfallen: so lassen sich dech gewiß charakteri-
stische Merkmale aufsinden, auf welchen auch hier die Ver-
schiedenheit der großen Meister beruht; und diese Eigen-
thümlichkeiten in Auffassung, Anordnung und Darstellung
derselben Bilder machen, auf allgemeinere Grundsätze, die
in der Idee des behandelten Gegenstandes und in dessen
mannigfachen örtlichen und zeitlichen Verhältnissen liegen,
bezogen, die Annäherung an ein wahres' und gründliches
Urtheil möglich.
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