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Nr. 6r

Kunst-Blatt.

Montag, d e n 30. Juli 1 8 2 7.

Heber die Kunstausstellung in Stuttgart vom 23sten
April bis lezten Mai d. I.

Jedes Bedürfniß bringt auf Befriedigung, fo auch
bas Verlangen der Kunst und Technik nach Oeffentlich-
feit, und in gewissen Fallen mag auf die Frage nach dem
mancherlei, Nützlichen und Schädlichen, das eine solche
Befriedigung zur Folge haben kann, keine bestimmte Ant-
wort ertheilt werden.

Zn Würtemberg ist so viel Kunst - und Gewerbffeiß
rege, und ein so rasches Fortschreiten, besonders des Lez-
tern bemerkbar, daß die Regierung durch Veranstaltung
öffentlicher Ausstellungen ihrer Erzeugnisse dem Wunsch
der Erzeuger, so wie des Publikums, gleichmäßig ent-
gegen kam, weil jene in einem größern vaterländischen
Kreise, ja, durch das gelegentliche Herbepkommen von
Fremden, auch im Ausland bekannt werden wollten, das
Publikum die neuesten, frischesten Blütben des Schönen
und Nützlichen zur Schau und Beurtheilung versammelt
zu feben wünschte.

Wie jeder neuen Anstalt, so kann man auch dieser
in einem Athem mancherlei) Gutes und Schlimmes nach-
sagen , und es wechseln auch Worte und Gegenworte,
wenn milde und scharfe Geister, Wohlmeinende und
und Verneinende sich darüber besprechen.

Die Regierung hat, als sie im Iabr 1824 für die
Dauer des Septembers eine solche Ausstellung — die
dritte für die Leistungen der schönen Künste, die erste
für die des Gewerbfleißes — ausschrieb, und die inlän-
dischen Künstler, Fabrikanten und Gewerbsleute einlud,
durch Einlieferung gelungener Kunstwerke, neuer Erfin-
dungen , ausgezeichneter technischer Arbeiten und Fabri-
kate daran Tbeil zu nehmen, sich über deren Zweck fol-
gendermaßen ausgesprochen:

„Da die frühern Ausstellungen in den Jahren 1812
und 1816 manches Talent angeregt und zum Wetteifer
in der Produktion des Bessern anqereizk haben, mancher
weniger bekannte Künstler und Techniker dadurch Gele-
genheit gefunden hat, dem größern Publikum vortheilhaft
bekannt zu werden, und manche unrichtige Vorstellungen

von dem Standpunkt der vaterländischen Industrie da-
durch berichtigt worden sind, so hofft man, daß auch die
bevorstehende Ausstellung dazu beytragen werde, die aus-
gezejchnetern und eigenthümlichern Kunst - und Industrie-
Erzeugnisse des Vaterlands zur allgemeinen Anerkenntniß
zu bringen."

. Was im Ganzen eine solche Ausstellung, die von
Tausenden besucht wird, für Wirkungen hervorbringe,
das ist natürlich nicht zu berechnen, weil das Gute und
Gutgemeinte nicht ins Unendliche gute, sondern mitunter
auch nachtheiiige Folgen äußert. So läßt es sich z. B.
recht wohl denken, daß einHandwerker durch diese Oeffent-
lichkeit verleitet werden könnte, sich aus Eitelkeit auf
kostspielige kiebhaberepen in seinem Fach zum Schaden
seines soliden Erwerbs zu lege»; ein Mißgriff, der im
praktischen Leben gerade bev talentreichen Handwerkern
gar nicht selten ist; — daß ein Kunstzögling, statt emsig
und stille fort;»streben, sich für eine Ostentativ» krampf-
haft anstrengen — daß ein Nicht-Talent, sich hinweg-
setzend über ungünstige Urtheile, sich blähend über heuch-
lerisch-günstige, blos dieser kurzen und seltenen Apotheose
zu lieb auf falschem Weg beharren könnte.

Man kann diesen und ähnlichen Widerreden und
Zweifeln nicht ganz Unrecht geben; es ist an Allen Et-
was ; jedoch die Hauptansicht und Absicht überwiegt alle
Bedenklichkeiten, und die Sache hat ihren Fortgang.

Wir treten in den großen Saal des königlichem Re-
dutenhauses, wo die Industrie-Produkte ausgestellt sind,
und beschauen Alles mit der gebührenden patriotischen
Aufmerksamkeit, können aber doch bald eine kleine Unruhe
nicht von uns abhalten, weil wir den Strom der Schau-
lustigen sich gegen den etwas hoher gelegenen Kunstsaal
hinziehen sehen. Hier unten sollen wir sehen und den-
ken, an die Mühen, Nothwendigkeiteu, kostspieligen Be-
dürfnisse des Lebens denken; dort oben können wir uns,
wenn wir wollen, das Leztere ersparen, und dürfen das
fertige, gereinigte, erleichterte Dasepn anschauen.

Der erste Eindruck stillt die Unruhe nicht; man fühlt
sich immer bedrängter, sucht über das Ganze Herr zu
werden, und schwebt in der Wahl, ob man die Gallerie
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