Meringer, Rudolf; Mayer, Carl
Versprechen und Verlesen: eine psychologisch-linguistische Studie — Stuttgart, 1895

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Für die selteneren reicht allerdings unser Materiat noch
nicht aus nnd wir behalten uns vor, weiter zu sammeln.

II. Wi>? man stch verchricht.

Schon vor mehreren Jahren war ich zur Ueberzeu-
gung gekommen, daß man sich nicht reaellos ver-
svricht, sondern daß die häusigeren Arten sich zu ver-
sprechen aus gewisse Formeln gebracht werden können.
Mit der Regelmäßigkeit der Sprechsehler (wie ich zum
Unterschiede von den organisch bedingten Sprachsehlern
sagen will) gewinnen dieselben an Bedeutung,/sie müssen
durch konstante psychische Kräste bedingt sein^rnd so wer-
den sie zu einem Untersuchungsgebiet für Natursorscher und
Sprachsorscher, die von ihnen Licht für den psychischen
Sprechmechanismus erwarten dürsen.

Man ist gewiß sehr geneigt, die Sprechsehler in Be-
zug auf Häusigkeit des Vorkommens zu unterschützen. Hat
man erst einmal darauf achten gelernt, dann sieht man,
wie sehr man sich getüuscht hat. Wenn es in einer Ge-
sellschaft etwas lebhafter wird und Rede und Gegenrede
rascher wechseln, dann stellen sie sich mit Bestimmtheit ein.

Aber man kann sich auch ruhig zu jedem hinsetzen, der
sich erhebt, um eine Rede zu halten. Man wird nur in
den seltensten Fallen längere Zeit aus Sprechsehler warten
müssen. Jch habe im Kollegium der philosophischen Fakul-
tät in Wien, wo doch gewiß geübte Sprecher sind, merk-
würdige Versprechen gehört und notiert und hätte sehr viel
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