Weinfurter, Stefan [Oth.]
Stauferreich im Wandel: Ordnungsvorstellungen und Politik in der Zeit Friedrich Barbarossas — Mittelalter-Forschungen, Band 9: Stuttgart, 2002

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HUBERTUS SEIBERT

Die entstehende »territoriale Ordnung«
am Beispiel Bayerns (1115-1198)*

Die Vorgänge von Venedig 1177 stellen einen der entscheidenden Wendepunkte
in der Reichsgeschichte des 12. Jahrhunderts dar* 1. Zum Beweis dieser auch hier
in den letzten Tagen viel diskutierten These hat die Forschung vor allem auf den
bestimmenden, ja dominierenden Einfluß der Fürsten2 auf die Politik und Ord-
nung des Reiches nach 1177 abgehoben. Es waren die Fürsten, die Barbarossa zur
Entmachtung Heinrichs des Löwen drängten und die ihm durch das angestrengte
lehnsrechtliche Verfahren jede Möglichkeit der Begnadigung und Restitution des
Löwen nahmen3. Das auf dem Hoftag in Würzburg, am 13. Januar 1180, gefällte
Urteil der Fürsten sprach Heinrich dem Löwen alle Reichslehen ab, darunter vor
allem die Herzogtümer Bayern und Sachsen4. Dieser Urteilsspruch stellte die Wei-
chen für eine umfassende territoriale Neuordnung des Reiches durch die Fürsten,
während die Mitwirkung des Kaisers auf die Rolle des Vollzugsorgans beschränkt

* Die essayistische Form des Vortrages vom 2. Mai 1998 blieb weitgehend unverändert.
1 Stefan Weinfurter, Wendepunkte der Reichsgeschichte im 11. und 12. Jahrhundert, in: Macht
und Ordnungsvorstellungen im hohen Mittelalter. Werkstattberichte, hg. v. Stefan Weinfurter
und Frank Martin Siefarth (Münchner Kontaktstudium Geschichte 1), Neuried 1998, S. 19 bis
43, bes. S. 29-39; Stefan Weinfurter, Papsttum, Reich und kaiserliche Autorität. Von Rom 1111
bis Venedig 1177, in: Das Papsttum in der Welt des 12. Jahrhunderts, hg. v. Ernst-Dieter FIehl,
Ingrid Ringel, Hubertus Seibert und Franz Staab (Mittelalter-Forschungen 6), Stuttgart 2002;
Ders., Einführung, in diesem Band, S. 9-25.
2 Theo Kölzer, Der Hof Friedrich Barbarossas und die Reichsfürsten, in diesem Band, S. 220-236;
Jutta Schlick, König, Fürsten und Reich (1056-1159). Herrschaftsverständnis im Wandel (Mittelal-
ter-Forschungen 7), Stuttgart 2001. Von grundsätzlicher Bedeutung: Bernd Schneidmüller, Kon-
sensuale Herrschaft. Ein Essay über Formen und Konzepte politischer Ordnung im Mittelalter, in:
Reich, Regionen und Europa in Mittelalter und Neuzeit, hg. v. Paul-Joachim Heinig, Sigrid Jahns,
Hans-Joachim Schmidt, Rainer Christoph Schwinges und Sabine Wefers, Berlin 2000, S. 53-87.
3 Odilo Engels, Zur Entmachtung Heinrichs des Löwen, in: Festschrift für Andreas Kraus zum
60. Geburtstag, hg. v. Pankraz Fried und Walter Ziegler (Münchener Historische Studien.
Abt. Bayerische Geschichte 10), Kallmünz 1982, hier zitiert nach dem ND in: Ders., Stauferstu-
dien. Beiträge zur Geschichte der Staufer im 12. Jahrhundert, hg. v. Erich Meuthen und Stefan
Weinfurter, Sigmaringen 21996, S. 116-130; Stefan Weinfurter, Landrecht und Lehnrecht im
Prozeß Heinrichs des Löwen, in: Antrittsvorlesungen der Johannes Gutenberg-Universität Mainz
4, 1989, S. 1-35; Ders., Die Entmachtung Heinrichs des Löwen, in: Heinrich der Löwe und seine
Zeit. Herrschaft und Repräsentation der Welfen 1125-1235. Katalog der Ausstellung Braun-
schweig 1995, Bd. 2, hg. v. Jochen Luckhardt und Franz Niehoff, München 1995, S. 180-189.
4 Annales Pegavienses ad a. 1180, ed. Georg Heinrich Pertz, MGH SS 16, S. 263; Annales S. Petri Er-
phesfurtenses maiores ad a. 1180, ed. Oswald Holder-Egger, MGH SS rer. Germ. [42], S. 64; Amol-
di Chronica Slavorum, ed. Johann Martin Lappenberg, MGH SS rer. Germ. [14], lib. II, cap. 10,
5. 48; Gelnhäuser Urkunde, MGH DFI. 795 (1180, Apr. 13), S. 362, Z. 36-39; Engels, Entmachtung
(wie Anm. 3), S. 117; Weinfurter, Entmachtung (wie Anm. 3), S. 187; Michael Lindner, Die Hof-
tage Kaiser Friedrich Barbarossas (1152-1190), 2 Bde., Diss. masch. Berlin 1990, hier Bd. 2, S. 185 f.
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