Gramsch, Robert
Das Reich als Netzwerk der Fürsten: politische Strukturen unter dem Doppelkönigtum Friedrichs II. und Heinrichs (VII.) 1225 - 1235 — Mittelalter-Forschungen, Band 40: Ostfildern, 2013

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2. Weitreichende Entscheidungen: Die Krise von 1225/26

Kreuzzugswerbung des Ordenshochmeisters und des Kardinallegaten Konrad von Porto.
Der Kardinal hatte sich schon im November 1224 in die Eheangelegenheit Heinrichs (VII.)
eingemischt^ und er hatte selbst gesehen, wie hinderlich die Auseinandersetzungen
zwischen den deutschen Fürsten für das Zustandekommen des Kreuzzuges waren. Die
Konflikte im Südosten des Reiches hatten ihn das ganze Frühjahr 1225 über beschäftigt,
und so ist anzunehmen, dass seine Teilnahme am Grazer Friedensschluss keineswegs
nur eine allgemeine friedensstiftende Maßnahme darstellte, sondern auch einer österrei-
chischen Beteiligung am Kreuzzug den Weg ebnen sollte.^ Vielleicht war er bereits in
Graz mit dem neuen Heiratsplan konfrontiert worden und hatte Leopold geraten, den
Papst einzuschalten?95 Konrad dürfte klarer als jeder andere gesehen haben, dass sich
durch die Verbindung von Heirats- und Kreuzzugsprojekt der gordische Knoten, der
sich hier im Spannungsfeld von Kaiser, Papst und Fürsten zusammengezogen hatte, am
besten würde lösen lassen.
Es wird im Kapitel 2.3, im Zusammenhang mit dem Deutschen Orden, noch genauer
herauszuarbeiten sein, welche Bedeutung gerade dem Legaten Konrad (und auch dem
Deutschordenshochmeister) bei der Lösung der damals anstehenden Fragen zukam.
Am wahrscheinlichsten ist es demnach, dass die Entscheidung in der Ehefrage Hein-
richs (VII.) Anfang Juni 1225 in Konrads Gegenwart in Graz fiel. Dies wirft, wenn diese
Vermutung richtig ist, auch ein bezeichnendes Licht auf die Rolle der thüringischen
Gesandten innerhalb der politischen Kommunikation und Entscheidungsfindung: Vom
Landgrafen nach Böhmen und Österreich geschickt, um das von den Fürsten gebilligte
staufisch-böhmische Eheprojekt umzusetzen und zugleich die babenberg-ludowingische
Heiratsverbindung anzubahnen, vielleicht auch schon mit der Vollmacht ausgestattet,
dem Kaiser die landgräfliche Beteiligung am Kreuzzug zuzusichern, haben sie die ent-
scheidende Wendung in der Ehefrage doch offenbar ganz selbständig mitentschieden
(denn dass Landgraf Ludwig schon von Weissensee an ein „falsches Spiel" gegenüber
Böhmen betrieb, erscheint doch unwahrscheinlich). Hier bleibt vieles im Dunkeln und
letztlich hypothetisch - über die Details des Ablaufs könnte man zu anderen Urteilen
kommen, doch sollte die Grundidee, dass dem Kaiser die Lösung der Ehefrage von
außen angetragen wurde, nunmehr hinreichend bewiesen sein.
Fassen wir zusammen: Nachdem sich die Majorität der deutschen Fürsten über die
böhmische Heirat Heinrichs (VII.) geeinigt hatte, konterkarierten Leopold von Österreich
und Ludwig von Thüringen diesen Plan durch ihr eigenes, dem Kaiser vorgetragenes
staufisch-babenbergisch-ludowingisches Doppelhochzeitsprojekt. Sehr wahrscheinlich
war die wichtigste Gegenleistung, die Herzog Leopold und die thüringischen Gesandten
dem Kaiser für die Absegnung des Eheplans offerierten, die Zusicherung ihrer Kreuz-
zugsteilnahme.96 Auch der Papst war zuvor auf diese Weise für das Eheprojekt gewonnen
Absicht - dadurch versüßt wurde, dass ihm ein reichslehnbares Gut übertragen wurde
(BF 1572).
93 Auf dem Hoftag von Toul war Konrad beteiligt an der Verhinderung des (vom Kaiser präfe-
rierten) französischen Eheprojekts, siehe dazu oben S. 99f.
94 Vgl. MEININGER , Konrad v. Urach, S. 237-240.
93 Nach dem Grazer Friedensschluss ging der Legat nach Böhmen, wo er gemeinsam mit dem
Vertrauten Herzog Leopolds, Propst Bernhard von Friesach, am 26.6.1225 in zwei Urkunden
bezeugt ist (NEiNiNGER, ebda., S. 446f., Regest Nr. 274f.). Dies wäre dann ein gezieltes
Ablenkungsmanöver gewesen.
96 HECHELHAMMER, Kreuzzug, S. 171f., rückt die Eheangelegenheit in eine vorsichtige kausale
Beziehung zur Kreuzzugsproblematik. Weder Wolfgang Stürner noch Peter Thorau ziehen eine
solche Verknüpfung der Ehe- und Kreuzzugsangelegenheit in den Verhandlungen im Juli 1225
in Betracht, vgl. STÜRNER, Friedrich II., S. 95 und 128 sowie THORAU, Heinrich (VII.), S. 256f.
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