Gramsch, Robert
Das Reich als Netzwerk der Fürsten: politische Strukturen unter dem Doppelkönigtum Friedrichs II. und Heinrichs (VII.) 1225 - 1235 — Mittelalter-Forschungen, Band 40: Ostfildern, 2013

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5.2. „Spiel über die Bande": einige Bemerkungen zur politischen Praxis

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mit der staufischen Ehefrage, der Meranierproblematik und einer Vielzahl weiterer Pro-
bleme verbunden und einer gemeinsamen Lösung zugeführt wurden (Kapitel 2.2 und
2.3), oder auch für die durch Kardinal Konrad von Urach herbeigeführte Beilegung der
niederrheinischen Konflikte Anfang 1226 (Kapitel 2.6).
Auch die Vereinbarungen Friedrichs II. mit den deutschen Fürsten, die zur politi-
schen Isolierung Heinrichs (VII.) führten (1234/35) machen nur in ihrer Gesamtheit, als
„Paketlösung", einen Sinn: Ohne einen Verzicht des Wittelsbachers auf dessen Erbansprü-
che an Braunschweig war die von den nordostdeutschen Fürsten gewünschte Erhebung
Ottos des Kindes in den Reichsfürstenstand nicht möglich, dies wiederum zwang den
Kaiser zu seiner Eheofferte an den Wittelsbacher (wobei die fürstlichen Unterstützer
Ottos des Kindes zugleich als Vermittler des staufisch-wittelsbachischen Ausgleichs
fungierten) usw. usf. Solche Zusammenhänge lassen sich nicht explizit beweisen, da wir
nur die Ergebnisse der Verhandlungen und eventuell einige wenige Zwischenschritte
kennen, dennoch erscheint es mir sehr viel plausibler, planmäßig verflechtungsrationales
Handeln überall dort zu unterstellen, wo die getroffenen Entscheidungen in ihrer Zu-
sammenschau eben diese Balanciertheit des Gebens und Nehmens erkennen lassen. Der
Verzicht auf die Anwendung dieses Grundsatzes beziehungsweise die Nichterkenntnis
derartiger unterschwelliger Sachzusammenhänge hat hingegen allzu häufig dazu geführt,
dass man politisches Handeln schlichtweg nicht verstanden und sich über die „Wech-
selfälle des Schicksals" und „Sprunghaftigkeit" fürstlicher Entschlüsse gewundert hat.
Isoliert betrachtete Entscheidungen werden dann rasch als „Siege" und „Niederlagen"
beurteilt, wo doch für die Zeitgenossen der Interessenausgleich aller Beteiligten im
Zentrum gestanden hat. Die Kunst des Kompromisses ist die eigentliche Grundtugend
der konsensualen Herrschaft, Fn'e&nsdz'/daU sind in ihr die Ausnahme und selten von
Dauert

5.2.5. Zum Reskriptcharakter königlicher und päpstlicher Entscheidungen
Ernst Pitz hat sich in einer 1971 erschienenen Untersuchung um den Nachweis bemüht,
dass königliche oder päpstliche Urkunden oft weniger den politischen Willen des Aus-
stellers als vielmehr die Wünsche des Petenten erkennen lassen. Der Aussteller habe nur
die formale Seite der Bitte gewürdigt in Form eines bedingten Urteils: Wenn die und
die Tatsachen gegeben sind (ycnf%s prccüw), sollen die und die Rechtsfolgen eintreten.^'
Pitz" Auffassung, die dieser an Beispielen der Regierungszeit Friedrichs II. entwickelt
hat, ist zum Teil scharf kritisiert und völlig zu Recht relativiert worden,^ doch steckt
Wenn etwa Könige ihren Entscheidungen den Anstrich geben, aus eigener Machtvollkommen-
heit gefällt worden zu sein, darf dies über die tatsächliche Rückgebundenheit ihrer Politik
an den Konsens der Fürsten (welcher in Urkunden auch oft genug thematisiert wird) nicht
hinwegtäuschen, vgl. etwa die diesbzgl. Überlegungen bei ÄLTHorr, Spielregeln; GöRiCH, Die
Ehre; ScHNEiDMÜLLER, Konsensuale Herrschaft.
ERNST PiTZ, Papstreskript und Kaiserreskript im Mittelalter (Bibliothek des DHI in Rom, 36),
Tübingen 1971.
22 Vgl. HANS MARTIN ScHALLER, Rezension zu PiTZ, Papstreskript und Kaiserreskript, in: DA 28
(1972), S. 579ff., hier: S. 581: „... finde ich die Vorstellung einfach absurd, daß ein Heer
von verhältnismäßig unbedeutenden Petenten in ganz Europa den Kaisern und Päpsten
die Richtung ihrer Politik diktiert und sogar noch die jeweils dazu passende Ideologie
mitgeliefert habe. Ich möchte das nicht einmal im Falle der baltischen Mission glauben; noch
viel weniger bei anderen, der Kurie näherliegenden Gebieten, an denen Pitz seine These leider
nicht erprobt hat." Die Reskripttheorie passt in der Tat sehr viel besser zum Serienausstoß
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