Gramsch, Robert
Das Reich als Netzwerk der Fürsten: politische Strukturen unter dem Doppelkönigtum Friedrichs II. und Heinrichs (VII.) 1225 - 1235 — Mittelalter-Forschungen, Band 40: Ostfildern, 2013

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5.2. „Spiel über die Bande": einige Bemerkungen zur politischen Praxis

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er mit dem immensen Ressourcenaufwand des Kaisers, der dazu praktisch seine ganze
bisherige Politik umkrempelte (hinsichtlich der englischen Hochzeit, der Lösung der
welfischen Frage, des Bündnisses mit Bayern) kaum konkurrieren konnte. Dass Gregor IX.
in einem Moment politischer Schwäche (gegenüber den aufständischen Römern) 1234 auf
die Zusammenarbeit mit dem Kaiser angewiesen war, spielte Friedrich II. ebenfalls in die
Hände. Gerade für den Papst bildete der Sturz Heinrichs (VII ), welcher ein natürliches
Gegengewicht gegen den allzu dominanten Kaiser hätte darstellen können, eine sehr
unangenehme Überraschung, wie seine späteren Reaktionen zeigen.
Der Sieg über seinen „unbotmäßigen" Sohn, die prachtvolle Inszenierung gefestigter
Kaiserherrschaft in Mainz, muss auch Friedrich über seine Situation getäuscht haben.
Kaum hatte er, nach dem (scheinbaren) Triumph über eine weiteren Widersacher, den
Babenberger, Deutschland den Rücken gekehrt, schlossen die ostdeutschen Fürsten 1238
den „Passauer Bund" gegen ihn. Und als er sie mit Mühe wieder beruhigt hatte (seinen
Vorteil gegen den Babenberger wieder aufopfernd), wandten sich die rheinischen Erzbi-
schöfe von ihm ab und die Herrschaftskrise der Staufer in Deutschland nahm ihren Lauf.
Erst jetzt zeigte sich, welche Integrationsleistung Heinrich (VII.) wirklich vollbracht hatte.
Ein derart komplexes politisches Gebilde wie das nordalpine Reich ließ sich eben nicht
„linker Hand" aus der Ferne oder durch einen unmündig gehaltenen „Reservekönig",
wie Konrad IV. einer war, regieren. 1246 erstand dem Kaiser in Deutschland ein neuer
Heinrich als Rivale, der sogleich die Unterstützung jener Männer fand, die bis 1235 fest
zu Heinrich (VII.) gehalten hatten, von den rheinischen Erzbischöfen, über wichtige
Reichsministerialen bis hin zu den schwäbischen Großen." Vielleicht steckte doch mehr
als nur bloße Rhetorik hinter dem Bedauern, das Friedrich II. 1242 über den Tod seines
ersten Sohnes äußerte,^ vielleicht dämmerte ihm damals tatsächlich, dass er 1235 einen
durchaus begabten und loyalen Sachwalter staufischer Herrschaftsinteressen ohne Not
geopfert hatte.

5.2. „Spiel über die Bande": einige Bemerkungen zur
politischen Praxis im „Netzwerk der Fürsten"

Die Grundprämisse dieser Untersuchung, dass die Reichspolitik im 13. Jahrhundert eine
Resultante von interdependenten Aktionen einer Vielzahl politischer Akteure gewesen
ist, bildete nicht nur die Voraussetzung für den Einsatz netzwerkanalytischer Methoden,
um politische Verflechtungen im Modell abzubilden, sondern schlägt sich auch auf
die Interpretation konkreter Quellenaussagen über politische Vorgänge nieder. Unter
dem Blickwinkel der Netzwerktheorie ist der Historiker zweifellos noch mehr als üb-
lich bestrebt, kausale Verknüpfungen zwischen getrennt überlieferten oder anderweitig
isoliert erscheinenden Vorgängen herzustellen, was die Gefahr in sich birgt, Zusam-
menhänge auch dort zu sehen, wo keine bestehen. Eine Möglichkeit, sich hinsichtlich
dieses Risikos besser abzusichern, besteht darin, eine Bestandsaufnahme derjenigen
Problemlösungsstrategien vorzunehmen, mit denen die damaligen Akteure versuchten.
Vgl. GRAMSCH, Deutschordensdiplomaten, S. 355f. mit Anm. 153.
HuiLLARD-BREHOLLES, Historia diplomatica, Bd. 6, S. 29-32; siehe auch die Übersetzungen
bei EicRELS / BRÜscH, Kaiser Friedrich II., S. 278-281; dazu BROEKMANN, Rigor iustitiae,
S. 260-271.

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