Gramsch, Robert
Das Reich als Netzwerk der Fürsten: politische Strukturen unter dem Doppelkönigtum Friedrichs II. und Heinrichs (VII.) 1225 - 1235 — Mittelalter-Forschungen, Band 40: Ostfildern, 2013

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1. Politische Verflechtungen im spätstaufischen Reich

möglich Erscheinenden stets sehr intensiv um die Neuverteilung derselben gerungen
wird.
Die Dynamik, mit der sich politische Netzwerke ändern, hängt von der Balance die-
ser zwei Faktoren ab: ein im Strukturkonservatismus erstarrtes System (wie das ancient
regime des vorrevolutionären Frankreichs) wird zuweilen bis in die Details der konkreten
Akteurskonstellation hinein völlig unbeweglich/^ ein flexibles System im „normalen
Entwicklungszustand" lässt bei weitgehender Erhaltung der Grundstruktur schon recht
heftige und rasche „Wellenbewegungen" zu, während im Falle von Systemumstürzen
die politischen Netzwerke völlig ihr Erscheinungsbild ändern, etwa indem hier, was im
ersten und zweiten Fall selten geschieht, im großen Umfang auch ganz neue Akteure die
Bühne betreten. Diesem Problem - der Dynamik von politischen Netzwerken - wollen
wir uns nunmehr näher zuwenden.

1.2.2. Strukturelle Balance
Die für einen Historiker besonders interessante Frage nach der Modellierung dynami-
scher Prozesse in Netzwerken bleibt bei vielen gängigen netzwerkanalytischen Verfah-
ren außer Betracht - ein Defizit, das auch von Soziologen zuweilen beklagt wird 7^ Dabei
liegt die prinzipielle Möglichkeit, ein gegebenes Netzwerkszenario in die Zukunft fortzu-
schreiben, nach dem oben Gesagten durchaus auf der Hand: Gemäß der strukturellen
Handlungstheorie beeinflusst eine Netzwerkstruktur das Handeln der Akteure, welches
Handeln umgekehrt das Netzwerk modifiziert. Folglich sind in einer gegebenen Verflech-
tungsstruktur die Möglichkeiten seiner weiteren Entwicklung mit angelegt, wenn auch
natürlich nicht in eindeutiger Weise. Um einen solchen Vorgang zu modellieren, fehlt
uns jedoch noch ein Movens, ein inneres Prinzip, das die Bewegungskräfte bestimmt,
welche in einer gegebenen Netzwerkstruktur wirken und dieselbe zu einer Modifizierung
(vermittelt über das Handeln der Akteure) drängen. Im folgenden soll im Anschluss an
die Balancetheorie des Sozialpsychologen Fritz Heider (+1988), die in der uoktwA auNi/s?'s
bisher wenig Beachtung gefunden hat, ein Modell vorgestellt werden, wie konkrete
Verflechtungstatbestände auf elementare Weise das Handeln der beteiligten Akteure
beeinflussen und auf diese Weise die Fortentwicklung einer gegebenen Netzwerkstruk-
tur mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit in bestimmte Bahnen lenken. Mit dem hier
^ ELIAS, ebda., S. 402 spricht von einem „Clinch", in dem die Machteliten verhakt waren, und
der trotz des allgemein sichtbaren Reformbedarfs, welcher etwa aus den Veränderungen des
ökonomischen Feldes, aber auch aus dem Unbehagen, das die Akteure an dieser Situation
selbst empfanden, resultierte, nicht mehr gewaltlos zu überwinden war.
Vgl. JANSEN, Netzwerkanalyse, S. 275f.: „In methodologischer Hinsicht hat es der Netzwerkana-
lyse lange Zeit an Instrumenten gefehlt, die dynamische Prozesse und zeitliche Veränderungen
kausal erfassen und überprüfbar machen können." Hierin und in dem ebenfalls konstatierten
theoretischen Problem, das „Verhältnis zwischen konkreten Netzwerken und Interaktionen
und Be&MhmyszMscinez'Nmye??, Normen nnd Insh'fMh'onen, Kühnren nnd Sym&ohoü-
fen" präzise zu erfassen (ebda., S. 278), bestehen zur Zeit offenbar die größten Defizite der
Netzwerktheorie. Ob die hier vorgelegte Studie bzgl. der Lösung des ersten Problems einen
gewissen Pioniercharakter beanspruchen kann, vermag ich mangels Überblick des sich fä-
cherübergreifend rasant entwickelnden Forschungsfeldes nicht zu entscheiden. Vgl. auch
einführend MATTHIAS TRIER, Struktur und Dynamik in der Netzwerkanalyse, in: STEGBAUER /
HÄussLiNG (Hgg.), Netzwerkforschung, S. 205-217 sowie CHRISTIAN SiEGLicH / ANDREA
KNECHT, Die statistische Analyse dynamischer Netzwerke, in: STEGBAUER / HÄussLiNG (Hgg.),
ebda., S. 433-446.
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