Gramsch, Robert
Das Reich als Netzwerk der Fürsten: politische Strukturen unter dem Doppelkönigtum Friedrichs II. und Heinrichs (VII.) 1225 - 1235 — Mittelalter-Forschungen, Band 40: Ostfildern, 2013

Page: 351
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5. Das Reich als Netzwerk der Pürsten zwischen
1225 und 1235. Eine Bilanz

Zwei Begriffe standen am Anfang dieser Untersuchung: Nfcrrcyntwz zum einen, Netzwerk
zum anderen. Zwei höchst verschiedenartige Vokabeln - die eine ehrwürdig und von der
Tradition Jahrhunderte langer Geschichtsschreibung fast erdrückt, die andere modern, ja
geradezu ein Modewort.
Heutige Mediävisten sprechen viel von Netzwerken. Dabei bekümmert es sie nur
wenig, dass sich dieser Begriff in den sozialwissenschaftlichen Nachbardisziplinen mit
einer mathematischen Methodik verknüpft, über deren Anwendbarkeit in der Mittel-
alterforschung bislang nur wenige Erfahrungen vorliegen. Diese bloß metaphorische
Ausbeutung eines viel versprechenden methodischen Ansatzes zu durchbrechen und
den Einsatz mathematisch-analytischer Verfahren an einem mediävistischen Untersu-
chungsgegenstand zu erproben, war das Ziel dieser Arbeit.
Vom Interregnum ist heute selten die Rede, weil die Forschung mit diesem „Zwi-
schenreich" vom Untergang der Staufer bis zum Neuanfang unter Rudolf von Habsburg
nicht viel hat anfangen können. Für das Interregnum gilt in einem bis ins Extrem ge-
steigerten Maße, was einst Johannes Haller für das ganze Spätmittelalter konstatiert
hat: „Es fehlt (...) neben der Größe auch die Einheit im Bilde. Darum läßt sich die
Geschichte dieser ganzen Zeit so schwer oder gar nicht darstellen. Der Erzähler kann
ja die Einheit der Handlung ebensowenig entbehren wie der Dramatiker. Die deutsche
Geschichte des 13.-15. Jahrhunderts kennt keine Einheit der Handlung."^ In der Tat
muss jenes merkwürdige staatliche Gebilde, welchem der herrschaftliche Mittelpunkt
fehlte, das aber dennoch nicht zerfiel, anderswo aufgesucht werden als an den Höfen
machtlos gewordener Könige. Hier liegt der Zusammenhang zum „Netzwerk"-Begriff:
Das „Netzwerk der Fürsten" war es, was schon Haller als Ort einer Reichspolitik ohne
Herrscher bestimmt hat - dieses Netzwerk galt es zu modellieren und mit analytischen
Verfahren zu untersuchen.^
Von diesem Punkt ausgehend, ist die Arbeit eher unerwartet zu König Heinrich (VII.)
gekommen. Ging es anfangs nur darum, die Entstehungsbedingungen des Interregnums
einer historischen Tiefenanalyse zu unterziehen, ergab sich angesichts des vollkommenen
Ungenügens der älteren Forschung die Notwendigkeit, Heinrichs Königtum ganz in
den Fokus der Betrachtung zu stellen. Und damit haben wir uns weniger weit von der
Ausgangsfrage entfernt, als es den Anschein haben könnte. Denn erstens musste auch
ein intaktes Königtum im Bezugsrahmen eines Fürstennetzwerkes agieren und zweitens
weist gerade die zehnjährige Doppelherrschaft Friedrichs II. und Heinrichs (VII.) in
' HALLER, Epochen, S. 108.
^ Siehe die Fortsetzung des genannten Haller-Zitats (ebda., S. 108): „Was nach Einheit aussieht,
wenn man die Geschichte der Könige hervorzieht, das ist Täuschung. Die Geschichte der
Könige ist nur ein Teil und nicht immer der wichtigste Teil des Ganzen. Daneben läuft die
Landesgeschichte in zahllosen Fäden einher, die sich kreuzen und verknüpfen und nicht selten
zum gordischen Knoten verwirren. Die Gleichgültigkeit des Nachlebenden gegenüber diesem
so vielgeschäftigen und doch so nichtigen Treiben ist also nur zu begreiflich."
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