Gramsch, Robert
Das Reich als Netzwerk der Fürsten: politische Strukturen unter dem Doppelkönigtum Friedrichs II. und Heinrichs (VII.) 1225 - 1235 — Mittelalter-Forschungen, Band 40: Ostfildern, 2013

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1. Politische Verflechtungen im spätstaufischen
Reich als Gegenstand netzwerkanalytischer
Forschung
1.1. Ordnung, Unordnung, Komplexität -
Deutschland im 13. Jahrhundert

Das Interregnum, „die kaiserlose, die schreckliche Zeit": ' Vorliegende Untersuchung
nahm an einem Punkt gedanklich ihren Anfang, zu dem sie, aus noch darzulegenden
Gründen, nicht mehr zurückgekehrt ist. Die Frage danach, was Reichsgeschichte im
Interregnum eigentlich ist und wie man sie erforschen kann, hat die Konzeption für diese
Arbeit aber so wesentlich geprägt, dass sich, ausgehend von dem bekannten Schillerschen
Diktum, ein kurzer Blick auf die Genese der in dieser Arbeit aufgeworfenen Fragestellung
lohnt.
„YUü o? fgmpom mferregNMW oppdUnh" Die griffige Formel vom Interregnum hat
sich durch die Jahrhunderte hindurch einen festen Platz im deutschen Geschichtsbewusst-
sein erobert.^ Es ist, streng genommen, ein irreführender Begriff, denn einen Einschnitt
in der Königsfolge hat es bekanntlich um die Mitte des 13. Jahrhunderts keineswegs
gegeben, sondern eher ein „Überangebot" an Herrschern: insgesamt sechs Könige, die
sich innerhalb von zweieinhalb Jahrzehnten in einem fast permanenten Doppelkönigtum
ablösten. Richtig aber ist, dass keiner dieser Könige es vermochte, allgemeine Anerken-
nung im Reich zu finden, und die ideelle und materielle Basis der Königsmacht in bisher
ungekanntem Maße erodierte.^ Bei allen Wandlungen, die unser Bild vom Interregnum
' Friedrich Schiller, Der Graf von Habsburg, in: Schillers Werke. Nationalausgabe, Bd. 2, Teil 1:
Gedichte, hg. von NORBERT OELLERS, Weimar 1983, S. 276-279, hier: S. 277.
^ Erst jüngst ist in einer umfangreichen Monographie der Weg dieser Vokabel durch die Histo-
riographie der letzten fünf Jahrhunderte mustergültig nachgezeichnet worden: MARIANNE
KiRK, „Die kaiserlose, die schreckliche Zeit": das Interregnum im Wandel der Geschichtsschrei-
bung vom ausgehenden 15. Jahrhundert bis zur Gegenwart (Europäische Hochschulschriften,
Reihe 3: Geschichte und ihre Hilfswissenschaften, 944), Frankfurt a.M. 2002 (dort S. 21 das
obige Zitat Hartmann Schedels). Einen guten Überblick über die Historiographie zum In-
terregnum gibt auch MARTIN KAUFHOLD, Deutsches Interregnum und europäische Politik:
Konfliktlösungen und Entscheidungsstrukturen 1230-1280 (MGH-Schriften, 49), Hannover
2000, S. 3-20.
3 Zum Verfall der „ideellen Voraussetzungen" der Königsherrschaft vgl. KiRK, Interregnum,
S. 547 mit weiterer Literatur. Den massiven Niedergang der materiellen Grundlagen des
Königtums während des Interregnums versucht ANDREAS ScHLUNR, Königsmacht und
Krongut. Die Machtgrundlagen des deutschen Königtums im 13. Jahrhundert und eine
neue historische Methode, Wiesbaden 1988, zu quantifizieren; dazu auch KiRK, ebda.,
S. 543ff.
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