Gramsch, Robert
Das Reich als Netzwerk der Fürsten: politische Strukturen unter dem Doppelkönigtum Friedrichs II. und Heinrichs (VII.) 1225 - 1235 — Mittelalter-Forschungen, Band 40: Ostfildern, 2013

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3.3. Die angebliche „Kapitulation" Heinrichs (VII.)

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politischer Maßnahmen getroffen wurden.'^ Könnte man hier, beim Auftakt einer
Reihe gut besuchter Hoftage bis 1234, von einem Ende jener Anerkennungskrise des
staufischen Königtums sprechen, welche die Forschung für die Vorjahre postuliert hat,
so hat dieselbe Forschung aufgrund der Ereignisse dieses Hoftages der Machtstellung
und Regierungskunst des Königs erneut ein vernichtendes Zeugnis ausgestellt. Eduard
Winkelmann kommentierte spöttisch: „Als Heinrich zu Ende des Januars von Worms nach
Schwaben zurückging, war er in seinen jungen Jahren um eine Erfahrung reicher, nämlich
dass er statt des einen Vormunds, von dem er sich frei gemacht, jetzt eine ganze Reihe
Vormünder [nämlich die Reichsfürsten] habe."^8 Mit größter Schärfe urteilte Friedrich
Knöpp: „Die Einmütigkeit des Fürstentums hatte gesiegt gegenüber der schwachen und
inkonsequenten Haltung des jungen Königs, der ohne politisch geschulte Berater seine
Politik in neue Bahnen lenken wollte"/^ desgleichen Erich Klingelhöfer: „Heinrich,
der, politisch unreif und ohne jede Erfahrung, den Bogen überspannt hatte, hatte das
Gegenteil von dem erreicht, was er wollte. Anstatt die Königsmacht zu stärken und zu
festigen, hatte er wesentlich zu ihrer Schwächung, aber zur Stärkung der fürstlichen
Territorialmacht beigetragen.Und noch Wolfgang Stürner schreibt in seiner Friedrich-
Biographie, der Fürstenstand sei dem König in Worms „selbstbewußter und geschlossener
denn je" entgegengetreten und habe ihn zur Rücknahme seiner Verfügungen gezwungen,
wodurch Heinrichs Schwäche offenbar geworden sei.^i
Anlass dieser abfälligen Beurteilungen ist das angebliche totale Scheitern von Hein-
richs Politik, welches in den städtefeindlichen Beschlüssen des Hoftages zum Ausdruck
kommen soll. Die ältere Forschung, angefangen bei Emil Franzei und Friedrich Knöpp,
hatte die Städtefreundlichkeit Heinrichs zu einem „Markenzeichen" seiner Politik erklärt,
welcher sich „von jeglicher fürstlicher Bevormundung frei" machen wollte (Knöpp).'^
Die auf den beiden Wormser Hoftagen vom Frühjahr 1231 gefällten Rechtssprüche, wel-
che im ersten „SüifMfMW üi/arorcw pnncipiwz" gipfelten, erschienen in dieser Perspektive
als eine Abkehr von der politischen Linie des Königs, welche nach Lage der Dinge
nur von den auf den Hoftagen anwesenden Fürsten (als den natürlichen Gegnern einer
konsequenten Städteförderung) erzwungen worden sein konnte. So sei im Frühjahr 1231
ein Grundsatzkonflikt zwischen Heinrich und dem Fürstenstand aufgebrochen, welcher
die ganze restliche Regierungszeit und insbesondere auch Heinrichs Verhältnis zum
Vater überschattet habe.
Demgegenüber hat sich die neuere Forschung zwar von der Vorstellung einer prin-
zipiellen Städtefreundlichkeit Heinrichs (VII.) verabschiedet und ihm allein ein taktisches
Verhältnis zu denselben attestiert - so wie zuvor auch schon Eduard Winkelmann.' ^
Zum Hoftag vgl. insbes. BF 4177-4184 sowie die Schilderung bei WiNKELMANN, ebda., S. 238-
41. ""
iss WiNKELMANN, ebda., S. 241.
189 KNÖPP, Die Stellung, S. 49.
19° KLiNGELHÖEER, Reichsgesetze, S. 63f.
191 STÜRNER, Friedrich II., S. 280.
192 Für diese grundsätzliche Städtefreundlichkeit Heinrichs (VII.) plädieren insbes. FRANZEL,
Heinrich VII., S. 130-147; KNÖPP, Die Stellung, S. 42 und 46; EUGEN RosENSiocK, Über
„Reich", „Staat" und „Stadt" in Deutschland 1230-1235, in: MIÖG 44 (1930), S. 401-416, insbes.
S. 412f., und noch KLINGELHÖFER, Reichsgesetze, S. 61f.
19° Prägnant formuliert findet sich die moderne Position bei KELLER, Zwischen regionaler Be-
grenzung, S. 487: „Zweifellos hat man Heinrich (VII.) zu Unrecht unterstellt, er habe eine
auf Reichsministerialen und Stadtbürgertum gegründete Königsmacht der steigenden Fürs-
tenmacht entgegensetzen wollen, also eine neue Konzeption verfolgt (...). Der junge Staufer
versuchte, die bestehenden Spannungen zwischen den selbständiger und selbstbewußter
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