Mitteilungen des Württembergischen Kunstgewerbevereins — 1906-1907

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CORRIGER LA FORTUNE.

EINE KUNSTGEWERBLICHE SKIZZE VON GUSTAV E. PAZAUREK.

Man muß mitunter an die in den alten ..Fliegenden Blättern" dargestellte
geniale, automatische „Malmaschine'' denken, in die man oben Oelfarben,
Leinwand, Sikkativ und ähnliche Dinge hineinwarf, um unten nach einigen
Kurbelumdrehungen die fertigen Oelgemälde herauszunehmen. Manche Kera-
miker schieben heutzutage ihre mit Glasurmasse überzogenen Scherben in
den Ofen, um nach einigen Tagen mit der größten Spannung nachzusehen,
welche Wunder das Feuer und die Gase wohl an ihren Werken vollbracht
haben mögen; auch andere Kunsthandwerker lassen sich in ähnlicher Weise
vom Walten geheimnisvoller Kräfte überraschen. Es lebe Se. Majestät der
Zufall, der ungefähr in derselben Weise, wie der unergründliche Mechanismus
der zitierten ,, Malmaschine", hinter den Kulissen emsig schafft, um den
offiziellen Schöpfer mit einem ihm ganz fremden Gebilde in Erstaunen zu
setzen. Wir müssen uns da unwillkürlich fragen: Ist es einem Künstler ge-
stattet, zu Mitteln zu greifen, die sich seinem bewußten Wollen ganz oder zum
Teile entziehen?

Um nun gleich die Antwort hinzuzufügen: Zweifellos muß es unseren

Kunsthandwerkern gestattet sein, auch die Zu-
fallskünste zu vielen, ganz famosen Wirkungen
heranzuziehen, aber der Reiz solcher Objekte
soll nicht ausschließlich in diesen Zufallswir-
kungen liegen. In unseren Tagen wird dies vielfach
nicht berücksichtigt; man kann vielmehr auf den ver-
schiedensten kunstgewerblichen Gebieten Schöpfungen
antreffen, deren Vorzüge fast nur dem blinden Ungefähr
oder — genauer ausgedrückt — dem Zusammenwirken
zahlloser, in ihrer Totalität geradezu unberechenbarer
Vorbedingungen zu danken sind, während die künst-
lerische Individualität des Schöpfers kaum aus irgend
einer Einzelheit zu uns spricht. Und das ist entschieden
ein Uebelstand.

Schauen wir uns doch einmal daraufhin unter den
modernen kunstgewerblichen Erzeugnissen näher um.
Die Zufallskünste können entweder der Formgebung
oder der Oberflächenbehandlung dienen; die zweite
Gruppe ist die weitaus überwiegende. Daß die erste
Gruppe heutzutage überhaupt noch vorkommt, ist fast
unbegreiflich. In früheren Zeiten hat man ganz un-
regelmäßig geformte Perlen oder wunderlich gebildete
Baumwurzeln und ähnliches gerne zu allerhand merk-
würdigen Gegenständen herangezogen; seltsame Natur-
Abb. i. vase mit Ueberiaufgiasur spiele — mit und ohne Mogelei galten als un-
(stuttäartOTLandes-Gewerbemuseum.) schätzbare Wunderwerke; aber dergleichen Objekte,
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