Mitteilungen des Württembergischen Kunstgewerbevereins — 1907-1908

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Mitteilungen des Württembergischen Kunstgewerbevereins.

unzähligen Gruppen und Figuren werden uns erst recht verständlich, wenn wir
erfahren, daß sie als Tafelaufsätze, als Schmuck der Kamine und Konsolen,
in Bronze an Leuchtern, Uhren montiert, in ihren vielseitigen allegorischen Be-
ziehungen das gesamte Leben, Denken und Fühlen ihrer Zeit getreulicher
widerspiegeln, als die detailliertesten Beschreibungen es könnten — ein echtes
und rechtes Kunstgewerbe voll tüchtigen Könnens und voll Kraft.

Als letzte und sicherlich gleich wertvolle dieser Ausstellungen reiht sich die
von Erzeugnissen der alten Ludwigsburger Porzellanmanufaktur im Königlichen
Residenzschloß in Stuttgart an, welche im Oktober und November 1905 statt-
fand. In großem Maßstabe angelegt, dank der Opferwilligkeit der Besitzer,
hat sie unser bisheriges Wissen vom Altludwigsburger Porzellan bedeutend
erweitert und vertieft. Zwar besitzt das Museum vaterländischer Altertümer
eine kostbare und vielseitige Sammlung, die zum größten Teil aus dem Besitze
Murschels stammt, aber eine so große Fülle, wie sie eine von überallher zu-
sammengekommene Spezialausstellung aufweist, geht über den Rahmen und
das finanzielle Können eines Museums weit hinaus. Auch eine vortreffliche
und reichhaltige Literatur besitzen wir bereits über das Ludwigsburger Por-
zellan, in erster Reihe den grundlegenden Aufsatz von Berthold Pfeiffer im
Jahrgang 1892 der „Württembergischen Vierteljahrshefte für Landesgeschichte",
der zum ersten Male auf Grund eines umfassenden und sorgfältigen Studiums
der Porzellane und Archivalien eine klare Darstellung der gesamten Tätigkeit
gab, dann Pfeiffers zweiten kleineren gut illustrierten Aufsatz im Jahr-
gang 1902/03 der „Mitteilungen des Württembergischen Kunstgewerbevereins
Stuttgart", endlich die knappe instruktive Einleitung zum Führer durch die
Ausstellung aus der Feder desselben Autors. Im Vorwort des Auktions-
katalogs der Sammlung Hirth hat Dr. Herbert Hirth die Tätigkeit des größten
Modelleurs unserer Fabrik, Christian Wilhelm Beyers, gewürdigt und endlich
hat Brüning im Katalog der Berliner Ausstellung von europäischem Porzellan
(1904) eine knappe vortreffliche Schilderung der Ludwigsburger Porzellan-
plastik gegeben.

Einen Schatz seltener Art, und für die Geschichte des Ludwigsburger Por-
zellans kostbar, bewahrt das K. Kupferstichkabinett in der Gemäldegalerie, es
sind dies die alten Zeichnungen und Entwürfe der Fabrik und wohl auch
eine Reihe der Stiche, die in den Maler- und Bossiererstuben als Vorlagen
dienten.* Ueber diese Stiche unterrichtet uns im Jahre 1793 zusammengestelltes
Inventar, das an Zeichnungen und Kupferstichen 1480 Stück aufzählt, darunter
312 Blatt illuminierte Vögel von Martinet, 190 Batailles, Landschaften und
Tierstücke, 171 bunte Kupferstiche, 231 Zeichnungen zur Information der Lehr-
linge, 260 Modellzeichnungen, meist vom Obermaler Riedel, dann Seestücke,
1 Buch mit Sinnbildern und 1 Band ovidische Verwandlungen. Aus diesen
Stichen und Vorlagen entnahmen die Maler ihre Motive und man fand diese
illuminierten Vögel, Landschaften, Bataillen, Tierstücke und ovidische Verwand-
lungen wieder auf den Tassen, Tellern, Vasen etc. in der Ausstellung.

Das Komitee hat eine größere Anzahl der Zeichnungen ausgestellt und
viele neue Aufschlüsse konnte man ihnen entnehmen. Wertvoll waren z. B.

* Dank dem liebenswürdigen Entgegenkommen der betreffenden Verwaltungen konnte ich die auf
die Ludwigsburger Fabrik bezüglichen, im K. Archiv des Innern und im K. Finanzarchiv, beide
zu Ludwigsburg, ferner bei der K, Archivdirektion in Stuttgart liegenden Akten durchsehen.
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