Mitteilungen des Württembergischen Kunstgewerbevereins — 1907-1908

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DIE KUNST DER ELFENBEINSCHNITZEREI.

Aus dem Vortrag des Herrn Prof. Dr. SCHERER (BRAUNSCHWEIG)
im "Württembergischen Kunstgewerbeverein am 27. November 1907.

Die Kunst der Elfenbeinschnitzerei läßt sich, wie uns interessante Funde aus den
Höhlen der Diluvialzeit im südlichen Frankreich und den Pyrenäen, darunter in Elfen-
beinplatten eingeritzte Zeichnungen, vollrund geschnitzte menschliche Figuren u. a. m.,
beweisen, bis weit in vorgeschichtliche Zeiten zurückverfolgen. Aber auch bei
den ältesten Kulturvölkern, den Aegyptern, Babyloniern, Assyriern usw.,
wurde das Elfenbein schon zu verschiedenen Zwecken, meist zu kleineren Gegen-
ständen täglichen Gebrauchs und zur Verzierung der Möbel, verwendet und zwar
waren es die Phönizier, die vielen dieser orientalischen Völker die Kenntnis und
Verarbeitung des Elfenbeins vermittelten, das sie aus den entlegensten Ländern, meist
aus Afrika und Indien, überallhin in rohem und bearbeitetem Zustand brachten. So
sind auch die Elfenbeinarbeiten, die als die ältesten auf griechischem Boden
gefunden wurden, nämlich die, welche H. Schliemann in den sog. Schachtgräbern von
Mykenae entdeckte, nicht einheimischer, sondern fremdländischer, d. h. nordsyrischer
oder ägyptischer Herkunft. Doch wurde das Elfenbein auch in Griechenland selbst
schon verhältnismäßig früh verarbeitet, wenn es auch erst während der Glanzzeit
der griechischen Kunst zu seiner vollen Bedeutung gelangte, vor allem bei den be-
rühmten sog. chryselefantinen Götterbildern des Pheidias und anderer Meister.
Während uns aber von diesen keines mehr erhalten ist, sind kleinere Elfenbein-
gegenstände des klassischen Altertums in ziemlich großer Zahl auf uns gekommen ; doch
besitzen dieselben fast alle mehr ein kulturgeschichtliches als eigentlich künstlerisches
Interesse.

Erst vom dritten Jahrhundert n. Chr. an erhalten die Elfenbeinarbeiten auch eine er-
höhte ku n s t ge s ch i c ht 1 i c h e Bedeutung. So lassen sich z.B. auch von jetzt an bis
zum siebten Jahrhundert eine Reihe von altchristlichen Elfenbeinschnitzschulen
des Abendlandes nachweisen, so in Rom, Mailand, Ravenna (Byzanz), Monza usw.
Auch in der folgenden Periode der sog. karolingischen Renaissance (etwa 768
bis 850), wo die Elfenbeinschnitzkunst zu neuer Blüte gelangte, können wir für Frank-
reich und Deutschland bestimmte Schulen oder Stätten feststellen, wo diese Kunst
besonders gepflegt wurde, so z. B. in Tours, Sens, Poitier und Metz in Frankreich sowie
in Bamberg, Regensburg, St. Gallen u. a. m. in Deutschland. Im zehnten und elften
Jahrhundert waren es aber bei uns vor allem zwei Schulen, nämlich die rheinische
und sächsische, der wir — und das gilt besonders von der letzteren— eine Reihe
vorzüglicher Denkmäler zu verdanken haben, vor allem Diptychen und Teile von
solchen, die oft die Einbände liturgischer Bücher zierten, Reliquienkästen, Pyxiden
und andere kirchliche Gegenstände.

Nach einer Periode der Verflachung und Einförmigkeit erhebt sich alsdann im
Zeitalter der Gotik, zugleich mit dem allgemeinen Aufschwung der Großplastik, auch
die Elfenbeinskulptur zu einer neuen großen Blüte, wobei sie von der kirchlichen all-
mählich auch zur weltlichen Kunst vorwärtsschreitet. Neben den Diptychen erscheinen
jetzt häufig auch Triptychen, dreiflügelige kleine Altärchen, sowie andere kirchliche
Geräte, wie Hostienbüchsen, Konsekrationskämme, bischöfliche Krummstäbe u. a. m.,
während sich die eigentliche Rundplastik in Elfenbein vor allem an der Figur der
Madonna mit dem Kinde entfaltet, die in jedem Lande, wie z. B. in Frankreich,
Deutschland und Italien, ihre besondere Ausbildung erfährt. Daneben begegnen uns
aber auch schon jetzt allerlei Elfenbeingegenstände profanen Charakters, wie
z. B. Schmuckkästchen, Spiegelkapseln, Hifthörner, Prachtsättel usw.

Verhältnismäßig nur wenig hat die Renaissance in der Elfenbeinplastik geleistet,
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