Mitteilungen des Württembergischen Kunstgewerbevereins — 1907-1908

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Literarische Neuheiten.

ZUR GESCHICHTE DER GLASMALEREI IN DER SCHWEIZ von Hans Lehmann (Zürich 1906
bis 1908).

Der Direktor des schweizerischen Landesmuseums in Zürich hat uns in den letzten drei Heften
der „Mitteilungen der antiquarischen Gesellschaft in Zürich" ein Werk beschert, das in allen Fach-
kreisen der besten Aufnahme sicher sein kann. — Wir hatten uns allzusehr daran gewöhnt, unter
schweizerischen Glasgemälden immer nur die weitverbreiteten, schönen Wappenscheiben des
16. und 17. Jahrhunderts zu verstehen, während doch die Kunst der Glasmalerei in dem Gebiete der
heutigen Schweiz schon im frühen Mittelalter blühte und im 14. und 15. Jahrhundert sogar die großartigsten
und umfangreichsten Monumentalarbeiten geschaffen hat. Lehmann wird uns hoffentlich im Laufe
der nächsten Jahre auch ein klassisches Werk über die Renaissance-Tafelglas-Kunstwerke seiner
Heimat schenken; aber diesmal war es ihm vorerst darum zu tun, die richtige Basis für alle folgenden
Betrachtungen zu gewinnen. An Vorarbeiten war gewiß kein Mangel: vom alten, aber immer noch
brauchbaren Wackernagel angefangen bis zu den umfangreichen Arbeiten Oidtmanns haben zahlreiche
Kunsthistoriker, wie Alb. Burckhardt, R. Bruck, Geiges, Herrn. Meyer und J. R. Rahn viele wertvolle
Bausteine herbeigetragen, aber Lehmann begnügt sich keineswegs, ein Mosaik aus den Resultaten
seiner Vorgänger zu bilden, sondern verfolgt ganz selbständig jede Einzelheit „usque ad finem".
Ohne sich in die so sehr beliebten, schwatzhaften Einleitungen kulturgeschichtlicher Art einzulassen,
weiß er doch in knappen aber treffend orientierenden Streiflichtern den historischen Hintergrund
jener streitlustigen Zeit zu beleuchten, als das Haus Habsburg mit den aufstrebenden helvetischen
Gemeinwesen in fast ununterbrochener Fehde lebte. Knüpfen doch die schönsten Kirchenfenster
in Königsfelden gerade an jenes folgenschwere Ereignis an, dessen Gedenktag gerade heuer zum
sechshundertsten Male wiederkehrt, nämlich an die Ermordung König Albrechts. Ebenso anschau-
lich wird uns in Lehmanns Darstellung das allmähliche Erstarken der vornehmsten eidgenössischen
Städte, besonders Berns, Zürichs und Basels, in denen die Kirchen- und Kreuzgang-Fensterstiftungen
eine so große Rolle spielen. Wohl noch nie vorher sind Glasgemälde nach der archivalischen, wie
nach der monumentalen Seite so gründlich behandelt worden, als dies hier geschieht. Geschicht-
liche Ueberlieferungen und Legenden werden ebenso gewissenhaft nachgeprüft, wie der Erhaltungs-
zustand, die stilistischen Merkmale, kostümliche und heraldische Zutaten etc. Daß dabei die bis-
herigen Quellen, die der Verfasser souverän beherrscht, manche überzeugende Korrektur erfahren
müssen, liegt auf der Hand. Wie unwiderleglich erscheint z. B. Lehmanns Beweis, daß die so-
genannten Douglas-Scheiben nicht — wie Professor Fr. J. Mone vor zehn Jahren im Diözesan-Archiv
von Schwaben behauptet hatte — auf Basel, sondern vielmehr auf Freiburg i. B. zurückgehen! Mit
großem Interesse verfolgen wir die Tätigkeit zahlreicher Schwaben auf Schweizer Boden, z.B. des
Nikolaus Ruesch (Lawelin) aus Tübingen in Basel (um 1400), des Konrad Witz aus Rottweil seit
1434 ebendaselbst und in Genf, des Johannes von Ulm in Basel (1423), des Ulrich von Ensingen
(t 1419) und seiner ganzen Deszendenz in Bern, des Hans Felder aus Oeffingen in Zürich (1486), Zug
und Freiburg usw. — Nicht geringeres Interesse, wie die kunstgeschichtlichen Erörterungen, die von
mustergültigen Lichtdrucktafeln und Textabbildungen begleitet werden, können die vielen, ein-
gestreuten kunsttechnischen Bemerkungen in Anspruch nehmen, so z. B., daß sich das Silbergelb
in der Schweiz bis zum Anfang des 14. Jahrhunderts zurückverfolgen läßt, daß das rote Glas nicht
nur aus Venedig, dem damaligen Hauptlieferanten für alle Welt, sondern später auch aus Burgund
bezogen werde etc. — Kurzum jede Seite der drei schönen Abhandlungen beweist aufs neue, daß der
Züricher Museumsdirektor sein Arbeitsgebiet besser kennt, als alle seine Vorgänger, so daß wir
seinen weiteren Publikationen über schweizerische Glasgemälde mit der größten Spannung entgegen-
sehen können. Pazaurek.

EIN NEUES WARTBURGWERK. Zweiundzwanzig Kilogramm bedrucktes Kunstdruckpapier im
Großfolio-Format kündigt der „historische" Verlag Baumgärtel in Berlin zum Preise von 260 Mark
an, nämlich das eben erschienene Prachtwerk „Die Wartburg", das der Großherzog Carl Alexander
von Sachsen-Weimar-Eisenach „dem deutschen Volke" widmet.

Der Großherzog selbst hat sich mit seinem nominellen Wartburgbibliothekar, dem bekannten
Schriftsteller Richard Voß, wie mit einigen wissenschaftlich wohl akkreditierten Persönlichkeiten,
wie W. Oncken, E. Martin, K. Wenck und anderen zusanimengetau, um die herrliche, geschichts-
verklärte und sagenumwobene Wartburg, die jedem Deutschen besonders ans Herz gewachsen ist,
nach allen Richtungen hin gründlich zu bearbeiten und dabei auch der Blüte des deutschen
Minnesangs, des großen Werkes Luthers, wie der deutschen Burschenschaft entsprechend zu gedenken.
So interessant es auch wäre, das ganze Monumentalwerk und seine Bedeutung zu erörtern, würde
dies den Rahmen dieser Zeitschrift bedeutend überschreiten. Es sei darum hier nur die für uns
in Betracht kommende zwölfte Abhandlung herausgegriffen „Alte und neue Kunstwerke auf der
Wartburg", die den bewährten Händen des Jenenser Universitätsprofessors und Museumsdirektors
Dr. Paul Weber anvertraut worden ist. Weber hat nun eine — auch im Sonderabdruck vorliegende —
vorzüglich gegliederte, klar geschriebene und trefflich illustrierte Abhandlung verfaßt, die allen
Wartburgfreunden, aber auch allen Kunstforschern um so willkommener sein kann, als da viele,
sehr wichtige Kunstobjekte erstmalig behandelt werden, die in dem Publikum gewöhnlich nicht
zugänglichen Räumen untergebracht sind. Trotzdem die Wartburg fast ohne Unterbrechung be-
wohnt war, hat sich doch nur wenig Bedeutenderes von der ursprünglichen Innenausstattung er-
halten, was einige Vermehrung durch die an Ort und Stelle gemachten Ausgrabungen erfuhr. Mit
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