Mitteilungen des Württembergischen Kunstgewerbevereins — 1907-1908

Seite: 53
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Abb. 1.

KÜNSTLERISCHE BESUCHSKARTEN.

VON GUSTAV E. PAZAUREK.

Als die geschmackvollste und vornehmste Besuchskarte oder „Visitenkarte"
wie wir Deutschen auch hundert Jahre nach Goethe mit Vorliebe zu sagen
pflegen gilt heutzutage jene, bei welcher der Name, nötigenfalls auch der
Titel und die Stadt- oder Wohnungsangabe, alles auf das geringste Maß be-
schränkt, in einfacher Lithographie oder schlichter, gut leserlicher Druckschrift
auf möglichst unauffälligem Kartonpapier zu finden ist. Dies ist nur ein Glied
in der ganzen Kette jener Bestrebungen, die nicht nur in den graphischen
Künsten, sondern überall im Kunstgewerbe alles auf die einfachste Zweck-
form zurückgeführt haben wollen, die mit der Weglassung, ja geradezu Be-
kämpfung sämtlicher ästhetischer Schmuckmittel die aus der Zweckbestimmung
und dem gewählten Stoffe sich ergebende schlichteste Konstruktionsform und
nur diese allein gelten lassen wollen. Uns wirft sich nun die Frage auf: Sollen,
ja dürfen wir auf diesem Standpunkte auch für die Zukunft verharren?

Daß in unseren Tagen das Einfachste, geradezu Puritanische, wie sonst
im Kunstgewerbe, auch im Gebiete der Besuchskarten als das Eleganteste hin-
gestellt wird, hat seinen guten Grund und ist nur zu leicht erklärlich. Ist es
doch eine naturgemäße Reaktion gegen die unmittelbar vorangehenden Ver-
hältnisse, die nichts weniger als erfreulich waren. Was hat man auch bei den
Besuchskarten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nicht alles schaudernd
mit erleben müssen! Sogenannte ..Zierschriften", die an Verschnörkelungen
das äußerste leisteten, Monogramme, die in diesem Zusammenhange um so
mehr als eine aufdringliche Tautologie empfunden wurden, da sie sich ohne
eine Spur von Individualisierung mit ihren ungelenken Umrankungen gar so
breit machten; dann wieder vielzeilige Titel- und Ordensangaben ohne Ende
und zwar gerade bei solchen Persönlichkeiten, die kaum jemand darnach
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