Mitteilungen des Württembergischen Kunstgewerbevereins — 1907-1908

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WÜRTTEMBERGISCHE KUNSTCHRONIK

JULI, AUGUST, SEPTEMBER 1907.

Anfang Juli erfolgte die Schlußabrechnung über die Wiederherstellung der
Marienkirche in Reutlingen. Darnach beliefen sich die Gesamtkosten auf
nahezu 1 135 000 Mark, woran noch rund 188 700 Mark ungedeckt sind,
welche zu I9/23 der bürgerlichen, zu iln der Kirchengemeinde zur Last fallen.
Der Kirchengemeinderat und der Gemeinderat der Stadt erließen daher einen
öffentlichen Aufruf, um durch eine einmalige letzte Sammlung von freiwilligen
Beiträgen eine möglichst große sofortige Tilgung und Minderung der Schuld
herbeizuführen.

Das Kgl Landesgewerbemuseum trat Anfang Juli mit einer erfreu-
lichen Neuerung vor das Publikum, indem es zum erstenmal einen Jahres-
bericht (1906) in Gestalt eines eleganten etwa 80 Seiten umfassenden und
mit einer größeren Anzahl guter Abbildungen ausgestatteten Büchleins ver-
öffentlichte. Die eingehende Darstellung gibt ein anschauliches Bild von der
beträchtlichen Summe von Arbeit, die an Reorganisationen, Ausstellungen usw.
im Lauf des Berichtsjahrs geleistet worden ist. Mitteilungen über die in An-
griff genommene Reorganisation eröffnen den Bericht. Als besonders wichtig
wird die Anfang 1906 vorgenommene Scheidung der Ressorts in eine kunst-
gewerbliche und eine technische Gruppe hervorgehoben, nachdem man die
Unmöglichkeit erkannt hat, beide aus einem Zentrum heraus leiten zu lassen.
Dadurch, daß jetzt für jede Gruppe Spezialfachleute verantwortlich sind, hofft
man es am besten zu ermöglichen, die Um- und Ausgestaltung aller Ab-
teilungen nach neuzeitlichen Gesichtspunkten durchzuführen. Den breitesten
Raum im Bericht nehmen die Mitteilungen über die Neuanschaffung in der
kunstgewerblichen Abteilung ein, über die in eingehender und sehr instruktiver
Weise berichtet wird. Kleinere Abschnitte sind der technischen Abteilung
und der Ausstellung der am 1. November 1905 ins Leben getretenen Bera-
tungsstelle für das Baugewerbe gewidmet. Der Jahresbericht wird in weiten
Kreisen als eine sehr dankenswerte Neuerung begrüßt werden und sicherlich
für viele eine Quelle wertvoller Anregung sein.

Am 12. Juli beging Architekt Eugen Albert in Stuttgart in seltener Rüstig-
keit und Frische seinen 80. Geburtstag. Am 12. Juli 1827 als Sohn des
Kgl. Straßenbauinspektors und Hauptmanns v. Albert in Stuttgart geboren,
war er nach Absolvierung der damaligen Polytechnischen Schule in Stuttgart
als Schüler von Leins bei dem Villabau in Berg und mit der Leitung des
von Varnbülerschen Schloßbauwesens in Hemmingen und der Zornschen Villa
in Stuttgart beschäftigt. Als selbständiger Architekt hat er dann in den
1860er Jahren das große Riedingersche Haus in Augsburg nach seinen eigenen
Entwürfen ausgeführt. Nach Vollendung desselben nach Stuttgart zurück-
gekehrt, schuf er hier eine Reihe hervorragender Privatbauten, so die Roth-
schen Häuser in der Marienstraße, die Häuser von Maier und Waldbaur am
Feuersee, die Springersche Villa an der Wagenburg, das früher Kliegelsche
und von Reischachsche Gebäude auf der Königstraße u. a. m.
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