Mitteilungen des Württembergischen Kunstgewerbevereins — 1907-1908

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Mitteilungen des Württembergischen Kunstgewerbevereiiis.

den Doktorhut bekam. — Doktordissertationen sind gewöhnlich Fleißaufgaben, die nur eines
erkennen lassen sollen, daß der Kandidat den betreffenden Fachstudien mit Ausdauer oblag und
sich ein brauchbares System wissenschaftlicher Arbeit — dieses selbst ist nirgends offizieller
Lehrgegenstand — zurechtgelegt hat, sodaß er der zerstreuten wissenschaftlichen Literatur eines
kleinen Spezialgebietes bis in entlegene Verästelungen nachzuspüren weiß. Größere Probleme,
die eine reiche Erfahrung, viel Autopsie und eine geschulte Urteilskraft voraussetzen, pflegt
man in diesem Stadium noch nicht zu behandeln; man widerrät geradezu den Kandidaten
derartige Projekte, weil die Berufenen gut wissen, daß dabei nicht viel Positives herauskommen
kann. — Wenn nun trotzdem unserem Brinckmann ein so wichtiges und schwer zu behandelndes
Feld von zwei maßgebenden Seiten anempfohlen worden ist, so liegt schon darin ein außergewöhn-
licher Grad von hohem Zutrauen in die Fähigkeiten des jungen Kunstforschers. Und weder sein
Vater, noch sein Universitätslehrer haben ihm zu viel zugemutet: Die vorliegende Arbeit ist eine
nicht nur überaus emsige, sondern auch gut disponierte, sorgfältigst ziselierte, an überraschenden
Resultaten reiche Schrift, die alle Fachkreise auf den Verfasser aufmerksam machen muß. Die
wesentlichsten italienischen, niederländischen und deutschen Ornamentstiche, unter letzteren
namentlich der überaus ergiebige und dankbare Heinrich Aldegrever wurden in möglichst weit-
gehendem Maße mit allen möglichen publizierten alten Denkmälern der Kunst und des Kunst-
gewerbes konfrontiert; aber all dies geschah nicht etwa nur in ungefährer Weise mit sofortiger
Befriedigung über jede Motiv-Uebereinstimmung. Der Gegenüberstellung ging vielmehr eine genaue
kritische Prüfung der Datierung der Stiche, wie der Denkmäler voraus, sowie bei den letzteren
die Untersuchung nach dem alten Bestände, damit man keine voreiligen, auf falschen Voraus-
setzungen beruhenden Schlüsse zöge. Brinckmann hat sich somit seine Sache keineswegs leicht
gemacht, sondern das Brett gerade dort durchbohrt, wo es am dicksten ist. Umso erfreulicher
sind seine zuverläßlichen Ergebnisse, die zum erstenmale die weite Verbreitung und Ausnützung
— seltener die sklavische Wiedergabe — namentlich des deutschen Ornamentstiches dartun und
ganz besonders die Abhängigkeit der Architekturdekorationen im 16. Jahrhundert von den gestochenen
Vorlagen ins rechte Licht rücken. — Die beigefügten 25 Lichtdrucktafeln von tadelloser Ausführung
verleihen den Worten eine überzeugende Plastik, — Wir können uns freuen, daß der Verfasser
dieses Buches, der sich hier als ein so feinsinniger Kunstmotiv-Analytiker betätigt hat, nun in
Stuttgart wirksam ist, wo er bei den verschiedensten Anlässen im Landesgewerbemuseum genug
Gelegenheit hat, sich mit allen künstlerischen und kunstgewerblichen Fragen in ähnlich liebevoller
und hingebender Art zu beschäftigen. p.
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