Mitteilungen des Württembergischen Kunstgewerbevereins — 1907-1908

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Schwäbische Elfenbeinschnitzer und ihre Werke.

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dieser die Völker germanischen
Stammes und unter ihnen vor allem
die Deutschen selbst, die den Haupt-
anteil von dem, was damals in jener
Kunst geleistet worden ist, in An-
spruch nehmen. Schon die große
Zahl der noch heute in deutschen
Sammlungen erhaltenen Elfenbein-
arbeiten der Barockzeit und die
stattliche Reihe von Namen deutscher
Elfenbeinschnitzer, die uns in der
Literatur dieses Zeitraums begegnet,
sprechen deutlicher als alles andere
für die große Beliebtheit und weite
Verbreitung, die diese Kunst, ge-
fördert durch den leidenschaftlichen
Sammeleifer kunstsinniger Fürsten,
damals auf deutschem Boden gehabt
haben muß.

Vor allem war es der Süden
unseres Vaterlandes, wo sich die
Elfenbeinschnitzerei nicht nur am
frühesten, sondern auch am reichsten
und vielseitigsten entfaltete, so zu-
nächst in Bayern, sodann aber auch
in Württemberg, wo eine Gruppe
von Elfenbeinbildnern tätig war, die
wir, ohne dabei nach politischen oder
topographischen Gesichtspunkten zu
scheiden, zusammenfassend als die
schwäbische bezeichnen können.
Unter den Städten, die ihr ange-
hörten, nämlich Geislingen, Stutt-
gart, Ulm und Gmünd,* nimmt
Geislingen eine besondere Stelle
ein, einmal weil die dortige Elfen-
beinschnitzerei und - Drechslerei,
wenn auch ihr Ursprung noch in
Dunkel gehüllt ist, doch als die
älteste in ganz Deutschland gelten
kann, und sodann, weil hier Schnitzer
und Drechsler schon frühe, der
Ueberlieferung nach bereits im
15. Jahrhundert, zunftmäßig organi-

Passicht gedrehter Pokal von G. Burrer;
Wien, Kaiserliches Hofmuseum.

* Ob auch Calw zu diesen Städten gehörte,
wird sich vorläufig noch nicht mit Sicherheit
sagen lassen. Vergl. Chr. Scherer, Elfenbein-
plastik seit der Renaissance, p. 74.
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