Panofsky, Erwin <Prof. Dr.>
Hercules am Scheidewege und andere antike Bildstoffe in der neueren Kunst — Leipzig , Berlin, 1930

Page: 69
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/panofsky1930/0095
License: Wahrnehmung der Rechte durch die VG WORT (VGG § 51, 52) Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
6g

Die ,,Concevtatio“ Jacob Lochers

auch Locher eröffnet seine Dichtung (die gar nicht mehr auf Hercules Bezug
nimmt, vielmehr aus einer gleichsam,,an Alle' ‘ gerichteten,, Ob j ectio Volup-
tatis“1) und einer zunächst unmittelbar gegen die Gegnerin losfahrenden,
zum Schluß aber auch in einem Appell an alle „iuvenes“ gipfelnden „Re-
sponsio Virtutis“ besteht) mit einem hochmoralischen „Epigramma ad lec-
torem“ und stellt an die Spitze des Ganzen sowie an den Anfang der beiden
Streitreden je ein Bibelzitat.2) Aber wir fühlen, daß diese majestätisch
dahinrollenden Hexameter und Distichen zu den moralisierenden Knittel-
versen Sebastian Brants, und mehr noch zu den hausbackenen Holz-
schnitten, neben denen sie sich seltsam genug ausnehmen, in einem Gegen-
satz stehen, der mehr ist als ein Gegensatz der Form. Es ist nicht nur das
Metrum und das große Aufgebot klassischer Namen und klassischer
Wendungen, das diesen Eindruck hervorruft, es sind nicht nur die Kunst-
mittel der antiken Rhetorik wie Antithese, Anaphora und Praeteritio:
sondern die sprechenden Wesen selbst, d. h. die Begriffe von „Tu-
gend“ und „Laster“, entstammen einer anders gearteten Welt. Die
Vorstellung einer „Voluptas“, die sich als Schwester des Gottes Dionysos
einführt3), die nach dem Zeugnis ihrer Feindin ganze Weltreiche zugrunde
gerichtet hat, und die sich selbst die Herrschaft über den Erdkreis anmaßt,
ist kaum mehr mit dem Bilde jenes niedlichen Hürchens in Einklang zu
bringen, das uns die Holzschnitte vor Augen führen; und eine „Virtus“
vollends, die ihren Gefolgsleuten politische Macht, literarischen Ruhm
und den Triumph der Waffen in Aussicht stellt, die, helmgeschmückt,
nichts mehr verachtet als unkriegerisches Wesen4), und die das ewige

1) „Ergo vos iuvenes, quorum sunt mollia corda,

Atque senes pariter, quorumst amorosior aetas,

Porrigite huc aures . . .“ #

2) Zu Beginn gleich nach dem „Epigramma ad lectorem“: „De duplici vitae humanae
via. Averte pedem tuum a malo; Vias enim, quae a dextris sunt, novit dominus; perversae
vero sunt, quae sunt a sinistris“ (Proverbia IV, 14). Am Anfang der „Voluptatis Via“:
„Nec prohibui cor meum, quin omni voluptate frueretur et oblectaret se in his, quae
praeparaverat“ (Proverbia II, 10) und: ,,Quis ita devorabit et deliciis affluet ut ego ?
Venite ergo et fruamur bonis, quae sunt, et utamur creatura tamquam in iuventute
celeriter“ (Sapientia II, 6). Endlich zur „Via Virtutis“: „Deus creavit de terra hominem
et secundum imaginem suam fecit illum, et iterum convertit illum in ipsam, et secundum
se vestivit illum virtute; numerum dierum et tempus dedit illi et dedit illi potestatem
omnem quae sunt super terram“ (Ecclesiasticus XVII, 1—3). Diese Bibelzitate, die in der
Badiusschen Neubearbeitung ganz fortgefallen sind, sind übrigens schon in den oben
S. 39 und unten S. 101 erwähnten Nachdrucken durch „klassische“ ersetzt worden: „Finis
voluptatis mors (Seneca)" und: „Virtuti sudorem dii longe posuerunt“.

3) „Nam soror ipsa dei, cui sacra solemnia reddunt
Maenades insanae frontem crinemque rotantes.“

4) „Non galeas armata geris, sed corpore nudo

Allicis imbelles in tua vota viros.“
loading ...