Panofsky, Erwin <Prof. Dr.>
Hercules am Scheidewege und andere antike Bildstoffe in der neueren Kunst — Leipzig , Berlin, 1930

Seite: 103
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Die Darstellung der Herculesentscheidung in Italien

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gen des Herculesurteils zu allen Zeiten charakteristisch gewesen: auch die
Baseler Narrenschiffsausgabe von 1572, die Murer höchst wahrschein-
lich bekannt war, verwandelt zwar die spätgotischen Genrebilder der
„Tugend“ und des „Lasters“ in moderne Allegorieen mit Berufssymbolen
(Abb. 44/45), allein das religiöse Moment erscheint in ihnen womöglich
noch stärker betont; denn hinter der „Voluptas“ braust ein geflügelter
Teufel über ein liegendes Totengerippe hinweg, und die „Virtus“ — im
Hintergrund wieder ein Engel und ein mit großem Kreuz bezeichneter
Kirchturm — ist geradezu als eine „Kluge Jungfrau“ dargestellt, mit
Bibelbuch, Ölkrug und brennender Lampe.1) Bis in das 18. und 19. Jahr-
hundert hinein werden wir die bildende Kunst in Deutschland und Hol-
land mehr die christlich-moralische als die pagan-mythologische Seite
der Prodikosfabel betonen sehen; sehr selten hat man hier die „Virtus“
durch eine Minerva und die „Voluptas“ durch eine Venus ersetzt, und
nie begegnet das Motiv, daß anstelle der ewigen Seligkeit nur ewiger
Nachruhm verheißen wird.

VI.

Die Radierung Christoff Murers nimmt unter den Darstellungen der
Herculeswahl insofern eine gewisse Sonderstellung ein, als beide Personi-
fikationen als Sitzfiguren gebildet sind; und wir werden nicht fehlgehen,
wenn wir auch diese Besonderheit aus einer Nachwirkung des Dürerischen
Melancholie-Schemas erklären. Darin jedoch, daß Hercules wachend
und stehend seine Entscheidung fällt, berührt sich Murers Darstellung
mit demjenigen Bildtypus, der mittlerweile in der italienischen Kunst
so gut wie allgemeingiltig geworden war.

Auch unter den italienischen Illustrationen der Prodikosfabel gibt es
einige wenige, die durch die Darstellungen des Parisurteils beeinflußt
sind, — nur daß dieses naturgemäß nicht in seiner nordischen, sondern in
seiner italienischen Prägung wirksam wurde. In Italien scheint der Ty-
pus des träumenden Paris ebenso selten zu sein, als er im Norden ge-
wöhnlich ist; bereits das 15. Jahrhundert bildet ihn entweder stehend2),
oder, weit häufiger, sitzend3), so daß der Hirtentypus der antiken Relief-
sarkophage 4) sich wie von selbst der Quattrocento-Überlieferung einfügen
und schließlich Darstellungen wie diejenigen Mark-Antons5), Palma Giovi-

1) Stultifera Navis, Basel, Henricpetri, 1572, S. 238 und 240. Eine Concertatio-
darstellung fehlt.

2) Cassoni Nr. 88, 648, 956.

3) Cassoni Nr. 69, 163, 165, 168, 179, 480, 932; von Stichen vgl. etwa den des
Francia (P. 4, Abb. Singer a. a. O. Fig. 7).

4) Robert a. a. O. II, V, n—19; vgl. auch den Hirtentypus der Endymion- Sarko-
phage, z. B. Robert III, 1, XIX, 75.

5) B. 245 (nach Raffael); Abb. Singer a. a. O. Fig. 8.
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