Panofsky, Erwin <Prof. Dr.>
Hercules am Scheidewege und andere antike Bildstoffe in der neueren Kunst — Leipzig , Berlin, 1930

Page: 185
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Exkurs II. Zur Deutung von Dürers ,,Ercules“-Holzschnitt

III“ nicht ausdrücklich genannt wird; allein es leidet keinen Zweifel, daß
ihre Erfindung — zumal der Anschauung das Mantegneske Vorbild zu
Gebote stand — in keiner Weise über das mythologische Vorstellungs-
vermögen Dürers und seines Freundeskreises hinausging.

Wir wagen es nicht, die hier vorgeschlagene Deutung des Hercules-
Holzschnitts mit der gleichen Zuversicht zu vertreten, wie die Interpreta-
tion des Hercules-Stiches. Immerhin läßt sich die Hypothese auch durch
die Beobachtung der Nachwirkungen stützen, die der Holzschnitt ge-
zeitigt hat. Zunächst ist er von dem Autor des Titelholzschnittes zu
Benedictus Chelidonius’ mehrfach erwähnter „Voluptatis cum
VirtuteDisceptatio“ benutzt worden. Allein da dieser mit Rücksicht
auf den Text nicht den Kampf mit Cacus, sondern den Kampf mit dem
„trygestaldten“ Geryones hat darstellen wollen, hat er die Furien-
gruppe fortgelassen und die niedergebrochene Doppelgestalt durch ein
frei erfundenes dreiköpfiges Monstrum ersetzt. Übernommen ist also nur
die Hauptfigur, aber auch diese ist nicht unverändert geblieben: der
Illustrator hat den Dürerischen Hercules nicht nur mit den Wappen-
schilden der Habsburger und der Grafen Salm-Salm versehen (wir wissen
ja, daß Chelidonius den damals 15jährigen Karl V. als Schiedsrichter auf-
treten ließ, und daß dessen Rolle von einem jungen Grafen Salm-Salm
gespielt wurde)1), sondern auch sein bescheidenes Kalbfell in die dem
neuen Bildprogramm entsprechende Löwenhaut umgewandelt (Abb. 113).
Den umgekehrten Fall erleben wir bei dem sehr merkwürdigen, gelegent-
lich zu Unrecht mit Geoffroy Tory identifizierten italo-französischen Mei-
st e r (f. Dieser hat den Holzschnitt B. 127 nun wirklich für eine Darstellung
des Cacus-Kampfes benutzt (Abb .115). Einmal ist es die,, C a c a “, die —
aus kompositorischen Gründen gleichsam verdoppelt — den beiden eksta-
tisch erregten Klageweibern zum Vorbild gedient hat, sodann ist es der auf
dem Rücken liegende Harnischmann, dem das allgemeine Bewe-
gungsmotiv und namentlich gewisse Rüstungsdetails (die Ellenbogenroset-
ten, der Schild, das abgebrochene, schartige Schwert) entlehnt wurden, —
nur daß der Meister (f seinen Cacus der ikonographischen Deutlichkeit we-
gen auf einem der geraubten Rinder zusammenbrechen ließ. Für die Gestalt
des Hercules dagegen hat er nicht nur den Cacusholzschnitt Giovanni
Andrea Valvassoris2), sondern auch das Florentiner Mosesbild des
Rosso herangezogen, das für den linken Arm und namentlich für den
Kopftypus des Hercules bestimmend wurde, und das auch — was be-

1) Vgl. oben S. 85.

2) B. IX, S. 460; Nagler, Monogrammisten, III, S. 341, wo aber gerade das Cacus-
Blatt nicht erwähnt ist. Der allgemeine Zusammenhang der Serie mit der Valvassori-Folge
wurde bereits von Lenz S. 96ff. hervorgehoben.
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