Schlosser, Julius von
Die Schatzkammer des Allerhöchsten Kaiserhauses in Wien: dargestellt in ihren vornehmsten Denkmälern ; mit 64 Tafeln und 44 Textabbildungen — Wien, 1918

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Viertes Kapitel

FORM UND STIL DER REICHSKLEINODIEN

Die heute noch in der kaiserlichen Schatzkammer vorhandenen
Kleinodien stellen, wie schon früher gesagt worden ist, nur den Rest
eines ansehnlicheren, noch bis zum Schluß des XVIII. Jahrhunderts
in Nürnberg vorhandenen Bestandes dar. Glücklicherweise sind jedoch
die wichtigsten Stücke erhalten geblieben, die noch durch die drei
aus Aachen stammenden Reliquien einen bedeutenden Zuwachs er*
halten haben. In der nach sachlichen Kategorien geordneten Aufstel?
lung der heutigen Schatzkammer ergeben sich folgende Komplexe:
die Krone, der Reichsapfel, die zwei Szepter, das Evangeliarium von
Aachen, das Zeremonienschwert, das «Mauritiusschwert», der sog.
Säbel Karls d. Gr. (Aachen); die Kaisergewänder: der Mantel, Alba,
Stola, Gürtel und Wehrgehenk, die beiden Dalmatiken, Strümpfe,
Schuhe und Handschuhe; das Reichskreuz mit den zugehörigen Reli?
quien: der Kreuzpartikel, der heiligen Lanze, dem Armbein der heili?
gen Anna, die Reliquiarien der Krippe Christi, des heiligen Stephanus
(Aachen), des Zahnes des Täufers, der Kettenglieder der Apostel, des
Kleides Johannis des Evangelisten, des Schürztuches und des Abend?
mahltuches Christi; endlich die schönen Lederfutterale der Reichs?
kleinodien, insgesamt neun an der Zahl, im ganzen also ein Bestand
von 37 an Alter und kunsthistorischem Wert sehr verschiedenen
Stücken, die vom IX. bis ins XVI. Jahrhundert reichen. In der nach?
folgenden Würdigung sollen diese Stücke der chronologischen Reihen?
folge ihrer kunstgeschichtlichen Stellung gemäß besprochen werden.

Wir haben gesehen, daß die spätere Zeit die eigentlichen Insignien
unbedenklich auf Karl d. Gr. zurückführte, und daß erst die seit dem
XVII. Jahrhundert einsetzende kritische Betrachtung an dieser ur?
sprünglich nichts weniger als naiven, sondern sehr bewußten Ge?
Schichtsfälschung gerüttelt hat; schon zu Beginn des XVIII. Jahr?
hunderts lasen Nürnberger Gelehrte die arabischen Inschriften der

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