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3. Exkurs: Begriffsbestimmung und Methodik
Überlegungen zur Gattung Porträt

Man ist niemals mit einem Porträt zufrieden von Personen, die man kennt.
Deswegen habe ich die Porträtmaler immer bedauert. Man verlangt so sel-
ten von den Leuten das Unmögliche, und gerade von diesen fordert mans.
Sie sollen einem jeden sein Verhältnis zu den Personen, seine Neigung und
Abneigung mit in ihr Bild aufnehmen; sie sollen nicht bloß darstellen, wie
sie einen Menschen fassen, sondern wie jeder ihn fassen würde.
Goethe, Wahlverwandschaften, II, 2
Jegliche Beschäftigung mit Porträtkunst beinhaltet auch eine Auseinandersetzung
mit der Problematik ihrer Begriffsbestimmung und der Frage nach dem Porträtge-
halt, nach jenen Charakteristika, die ein Porträt überhaupt als solches ausweisen und
aus denen sich die Forderungen an den Künstler, das auszuführende Werk und sei-
nen Betrachter ergeben.1 Es kann nicht Aufgabe dieser Arbeit sein, einen Überblick
über die Entwicklung der Definition des Porträtbegriffes innerhalb der Kunstwissen-
schaft zu vermitteln; dies ist von anderer Seite bereits geleistet worden.2 Dennoch
erscheint es notwendig, der Beurteilung des Ziesenisschen Werkes im Verhältnis zur
zeitgenössischen Bildniskunst einige grundsätzliche Überlegungen zur Begrifflichkeit
und zu den methodischen Problemen der Gattung vorauszuschicken.
Johann Georg Ziesenis war kein intellektueller Künstler, der sich theoretisch
mit seiner Kunst befaßte. Er war ein Handwerker im besten Sinne des Wortes,
der Können auf dem Spezialgebiet der Porträtmalerei bewies. Es gibt keine Anhalts-
punkte dafür, daß er sich jemals anderen Gattungen, z. B. der zu seiner Zeit weitaus
höher geschätzten Historienmalerei, zugewandt hätte. In dieser Hinsicht mag er hin-
ter manchen seiner Zeitgenossen zurückstehen, doch was die Bewertung seiner Kunst
betrifft, so ist sie allein an ihrer Gattung, an den Leistungen der Zeitgenossen sowie
der Einschätzung des Publikums und der Auftraggeber zu messen.
1 An dieser Stelle möchte ich Herrn Dr. Rolf Quednau für die interessanten Anregungen danken,
die mir im Sommersemester 1989 sein Seminar über die „ Bildniskunst der Neuzeit“ an der Georg-
August-Univcrsität Göttingen brachte.
2 Isa Lohmann-Siems, Die begriffliche Bestimmung des Porträts in der kunstwissenschaftlichen Literatur
bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts, Diss. Hamburg 1972.
 
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