Spranger, Peter
Schwäbisch Gmünd bis zum Untergang der Staufer — Schwäbisch Gmünd, 1972

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Recht und Verfassung

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Vor allem geht es dabei um die Entstehung eines ständigen Rates, der als bürger-
liches Element allmählich neben das stadtherrliche Organ des Schultheißen tritt.
Angesichts der frühen Gründung Gmünds, des raschen Aufschwungs der Stadt
unter Friedrich Barbarossa und der hohen wirtschaftlichen Blüte unter Fried-
rich II. hat man vermutet, daß auch das bürgerliche Gremium des Stadtrats
schon unter den Staufern entstanden sei.18 Dieser Auffassung stehen jedoch
manche Bedenken entgegen.13 14 Man wird nicht übersehen, daß Friedrich II., wenn-
gleich kein prinzipieller Gegner der Städte, im Widerstreit von städtischen und
fürstlichen Interessen in der Regel zu Gunsten der Fürsten entschieden hat. Die
politische Selbständigkeit zumindest der königlichen Städte hat er nirgends ziel-
bewußt gefördert. So erscheint es auch für Gmünd recht fraglich, ob das ausge-
prägte Interesse der Staufer an der Stadt als militärischem Stützpunkt und als
Verwaltungszentrum zugleich etwa auch der konsequenten Förderung der bür-
gerlichen Eigenverwaltung gegolten hat. Diese allgemeinen Überlegungen ver-
dichten sich angesichts der besonderen Gegebenheiten der urkundlichen Zeugnisse.
Nicht zu übersehen ist, daß von einem Siegel der Stadt Gmünd erst 1275,15 von
bürgerlichen Richtern (iudices) erst 1283, von Ratsherren oder Ratgeben (consu-
les) erst 1284 die Rede ist.16 Auch der häufige Personenwechsel in den Zeugen-
listen noch in den 70er Jahren des 13. Jahrhunderts spricht gegen das gleichzeitige
Bestehen eines ständigen Kollegiums bürgerlicher Amtsträger. Solche Hinweise,
die wir der sorgfältig differenzierenden Untersuchung von H. RABE verdanken,17 18
zeigen, daß sich der Stadtrat, die früheste behördenmäßig verfestigte Institution
der Bürgerschaft, wohl erst in nachstaufischer Zeit endgültig herausgebildet hat.
Geschäftsführendes Mitglied des Rates war der Bürgermeister. Berthold
Klebzagel - der Gedenkstein in der Taufkapelle des Münsters nennt ihn primus
magister civium18 - erscheint in der Funktion des Bürgermeisters zum ersten
Mal im Jahr 1284 in dem für die Geschichte des Augustinerordens in Gmünd be-
sonders aufschlußreichen Privileg, das den Mönchen den Aufenthalt und Grund-
erwerb in der Stadt ermöglichte. Die Urkunde beginnt: Bertoldus dictus Klebe-
zagel, Hanricus de Rinderbach scultecus, consules et Universitas Gaumundie

13 Vgl. K. WELLER - A. WELLER, a. O. S. 136; Württ. Städtebuch, hrsg. E. Keyser, Stuttg.
1962, S. 203.
14 Vgl. z. folg. H. RABE, Der Rat der niederschwäbischen Reichsstädte, Köln-Graz 1966, 20. 43 f.
15 sigillum civitatis Gamundiensis; vgl. WUB VII Nr. 2535, S. 398 - Reg.: GUB 39. Das
früheste erhaltene Stadtsiegel stammt vom 3. Febr. 1277: S. C(I)VIUM (DE GA)MUN(DI)A;
vgl. WUB VII Nr. 2659, S. 13 - Reg.: SpA 3. Vgl. Abb. Nr. 16 S. 77.
16 iudices: vgl. WUB VIII Nr. 3273, S. 413 f. - Reg.: GUB 48; consules: vgl. WUB VIII Nr.
3300, S. 429. - Reg.: GUB 50.
17 Vgl. H. RABE, a. O. 43.
18 Die in spätgotischen Minuskeln gehaltene Inschrift stammt wie das benachbarte Epitaph des
Bürgermeisters Thomas Warbeck aus dem beginnenden 16. Jahrh.; vgl. im übrigen A. NÄGELE,
Die Heiligkreuzkirche 207 f. Zu Klebzagel als dem ersten Bürgermeister vgl. auch DOM. DEB-
LER V 25.
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