Spranger, Peter
Schwäbisch Gmünd bis zum Untergang der Staufer — Schwäbisch Gmünd, 1972

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Die Gründung des Klosters Lorch

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wurde. Wenn hier ein Analogieschluß erlaubt ist, kann es nur folgender sein:
Wenn man die Schleierlegende und die Ringlegende ihres sagenhaften Beiwerks
entkleidet,9 bleiben noch immer die Akteure der Handlung, dort Leopold und
Agnes, hier Friedrich und Agnes. An ihrem entscheidenden Anteil am Gründungs-
vorgang zu zweifeln, besteht kein ersichtlicher Grund, weder für Klosterneuburg
noch für Gmünd. Wenn wir an der wesentlichen Aussage der Ringlegende fest-
halten, daß Herzog Friedrich I. und seine junge Gemahlin die eigentlichen Grün-
der der späteren Stadt gewesen sind, ist damit schon eine wesentliche Erkenntnis
für ihre Geschichte gewonnen.

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X Die Gründung des Klosters Lorch
Das in der Ringlegende erwähnte Herzogspaar begegnet wieder - diesmal ur-
kundlich einwandfrei erwiesen - in der Frühgeschichte des benachbarten Klosters
Lorch. P. WEISSENBERGER OSB* 1 hat in einer gründlichen Untersuchung dar-
auf verwiesen, daß die erste Lorcher Urkunde von 1102 keine Stiftungs- oder
Gründungsurkunde darstellt, sondern eine Schenkungsurkunde: sie berichtet von
der Übergabe des Klosters an den Heiligen Stuhl durch Herzog Friedrich von
Schwaben, seine Gemahlin Agnes und beider Söhne Friedrich und Konrad.2 Dar-
aus ergibt sich, daß das Kloster - entgegen der landläufigen Auffassung - schon
vor 1102 gegründet wurde.3 WEISSENBERGER glaubte sogar den Beweis er-

9 Entsprechend dem Hirsch der Gmünder Gründungssage begegnen für Klosterneuburg seit dem
15. Jahrh. Hunde als Finder; vgl. A. MAILLY, a. O. 34. Offen bleiben noch viele Fragen:
etwa ob der Ring irgendeine konkrete Rolle gespielt hat. DECKER-HAUFF meinte, der
Ehering sei wohl noch im Spätmittelalter in Gmünd vorhanden gewesen dem Klosterneuburger
Schleier vergleichbar. Wer die gesprächigen Gmünder Chroniken kennt, darf wohl annehmen,
daß dieser wichtige Umstand dort irgendwo seinen Niederschlag gefunden hätte. Im übrigen
muß der gestiftete Ring nicht unbedingt der Ehering der Herzogin gewesen sein; Ringe waren
zu jeder Zeit Gegenstand frommer Stiftungen. - Hinzuweisen ist noch auf eine interessante
Vermutung von H. ZEISSBERG, a. O. 424, es habe wohl noch eine ältere Fassung der Legende
gegeben, nach der der Ring nicht verloren ging, sondern absichtlich geworfen wurde (Wurf-
orakel). Nimmt man ähnliches für das Schleierorakel von Klosterneuburg an, so ergäbe sich
eine sehr konkrete Erklärung für die sonst schwer verständliche Tatsache, daß sich die beiden
verwandten Legenden an dieselbe historische Persönlichkeit knüpfen.
1 Vgl. P. WEISSENBERGER, Die Anfänge des Hohenstaufenklosters Lorch bei Schwäbisch
Gmünd, Perennitas, Festschr. f. P. TH. Michels OSB, Münster 1963, 246 ff.
2 WUB I Nr. 264, S. 334 f.
3 Das umliegende Land gehörte zum staufischen Hausgut; vgl. WUB I Nr. 303. S. 383 in -proprio
allodio; vgl. Otto v. Freising, Gesta Friderici a. O. I 9 in proprio fundo. Eine späte Über-
lieferung (J. Spindler) weiß zu berichten, daß die Benediktinerabtei auf der Stelle einer älteren
staufischen Burg errichtet wurde; vgl. G. MEHRING, a. O. 1.
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