Ulbert, Günter
Die römischen Donau-Kastelle Aislingen und Burghöfe — Limesforschungen, Band 1: Berlin, 1959

Page: 78
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/ulbert1959/0088
License: Wahrnehmung der Rechte durch die VG WORT (VGG § 51, 52) Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
Die frührömischen Kastelle Aislingen und Burghöfe
im Rahmen der Okkupation des Voralpenlandes

Aus den antiken Schriftquellen erfahren wir über
die Besetzung des Voralpenlandes sehr wenig. Die
Wissenschaft hat sich mit den spärlichen direkten
und indirekten Nachrichten eingehend beschäftigt
und sie vom jeweiligen Standpunkt des Betrachters
aus verschieden beleuchtet und interpretiert. Dabei
konnten wesentliche Fragen nur in Verbindung mit
Archäologie und Numismatik beantwortet werden1.
Gerade diese beiden Disziplinen waren es, die in den
vergangenen zehn Jahren beachtliche Ergebnisse in
den uns interessierenden Problemen zeitigen konnten.
Hier sind vor allem zu nennen die ergiebigen Aus-
grabungen in dem spätkeltischen Oppidum von
Manching (Ldkr. Ingolstadt)2, in der Römerstadt
Kempten-Cambodunum3 und auf der Militärstation
Lorenzberg bei Epfach (Ldkr. Schongau)4, ferner die
numismatischen Untersuchungen von K. Kraft an
frühkaiserzeitlichen Prägungen und die Arbeiten H.-
J. Kellners im Rahmen der kritischen und umfassen-
den Neuaufnahme römischer Fundmünzen in
Deutschland unter der Leitung von K. Kraft5.
Bei der Beurteilung des Alpenfeldzuges vom Jahr
15 v. Chr. stand die Sicherung der Nordgrenze Ita-
liens als Ziel des Unternehmens im Vordergrund6.
Zwar wurde der mehr vorbereitende Charakter die-
ses Feldzuges im Zusammenhang mit weiteren Er-
oberungszügen gegen die Germanen nicht verkannt,
doch ist man erst in den letzten Jahren zu einer m. E.
überzeugenden Stellungnahme über die tieferen Zu-
sammenhänge dieses Krieges gelangt. Vor allem hat
Kraft7 dies präzis formuliert, indem er das Ausgrei-
fen Roms auf den Nordabhang der Alpenmitte nur
im Zusammenhang mit der Angriffsplanung gegen
den großgermanischen Raum sinnvoll erklären
konnte. Für dieses Unternehmen »war eine ausrei-
chende nordalpine Basis und eine Verbindungsmög-
lichkeit zwischen den geplanten zangenförmig an-
setzenden Angriffskeilen vom Rhein nach Osten zum
Unter- und Mittelauf der Elbe und von der Donau
nach Norden mit Richtung auf die Elbequelle nötig.
Wenn im Endeffekt in der Kaiserzeit nur der schmale

Streifen zwischen Gebirge und Donau Reichsgebiet
wird, so darf dieses Ergebnis nicht zu der Ansicht
verführen, es wäre dies von Anfang an die Absicht
gewesen. Die Alpeneroberung von 15—13 v. Chr.
ist zwar im Rahmen der strategischen Absichten
Roms unvermeidlich und notwendig, aber doch nur
sekundäre Begleiterscheinung der Vorbereitung einer
viel weiteren Offensivplanung.«
In einem groß angelegten Zangenangriff besiegten
die Stiefsöhne des Augustus, Tiberius und Drusus,
die rätischen und vindelikischen Stämme und erober-
ten die Zentralalpen und das ihnen nördlich vorge-
lagerte Gebiet: die Schwäbisch-Bayerische Hoch-
ebene8 9.
Drusus zog von Verona aus mit seinem Heer, das
sich vermutlich aus der 13. und der neu aufgestellten
21. Legion zusammensetzte, zunächst das Etschtal auf-
wärts8. Der Weitermarsch führte bei Bozen über
1 Zusammenfassende, schriftliche und archäologische Quel-
len berücksichtigende Darstellungen finden sich bei Heuberger,
Rätien 51 ff.; Staehelin 104 ff.; R. Egger, Oberösterreich m
römischer Zeit, Jahrb. d. Oberösterr. Musealver. 95, 1950,
137 ff.; E. Swoboda, Carnuntum, seine Geschichte und Denk-
mäler3 (1958) 25 ff.; K. Christ, Die Militärgeschichte der
Schweiz in römischer Zeit, Schweiz. Zeitschr. f. Gesch. 5, 1955,
452 ff.; Ders., Drusus und Germanicus (1956) 15 ff.; Ders., Zur
römischen Okkupation der Zentralalpen und des nördlichen
Alpenvorlandes, Historia 6, 1957, 416 ff.
2 Germania 35, 1957, 32 ff. Neue Ausgrabungen in Deutsch-
land (1958) 175 ff. (W. Krämer).
3 Cambodunumforschungen 1953 I u. II.
4 Germania 35, 1957, 327 ff.; Neue Ausgrabungen a. a. O.
409 ff. (J. Werner).
5 Jahrb. f. Numismatik und Geldgesch. 7, 1956, 9 ff.; Bonn.
Jahrb. 155/156, 1955/56, 95 ff. (Kraft); Kellner, Die römi-
schen Fundmünzen im nördlichen Teil von Rätien, Diss. Mün-
chen 1953; Ber. d. Bayer. Landesamtes f. Denkmalpfl. 13,
1953/54 (1956).
6 So noch K. Christ in Historia 6, 1957, 417.
7 Jahrb. RGZM 4, 1957, 90 ff.
s Vgl. die in Anm. 1 zitierte Literatur. Ferner Wagner,
Römer in Bayern 11 f.
9 Heuberger, Rätien 59; Staehelin 171; E. Stein, Die
kaiserlichen Beamten und Truppenkörper im römischen
Deutschland unter dem Prinzipat (1932) 90; RE XII 1711,
1781 (Ritterling).

78
loading ...