Ulbert, Günter
Die römischen Donau-Kastelle Aislingen und Burghöfe — Limesforschungen, Band 1: Berlin, 1959

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Die Wehranlagen von Aislingen und Burghöfe
und ihr Verhältnis zu den benachbarten Erdkastellen

Auf den vorangegangenen Seiten haben wir die
Ausgrabungsergebnisse von Aislingen und Burghöfe
ausführlich dargestellt. Obgleich hier viele Fragen
offenbleiben mußten, lassen sich trotzdem wichtige
Rückschlüsse auf die Baugeschichte der Wehranlagen
ziehen. Dies betrifft insbesondere Burghöfe, denn in
Aislingen kennen wir als einzigen, einigermaßen
sicheren topographischen Befund nur eine Tor-
an 1 a g e , die durch Grabung sichergestellt ist. Zwei
Tortürme, jeweils auf vier starken Pfosten ruhend,
müssen den Südeingang des Lagers flankiert haben.
In Form und Größe entspricht die Anlage dem ein-
fachen Torschema, wie es z.B. aus Hofheim1 bekannt
ist. In Burghöfe ist die Lage des Süd- und Nordtores
gesichert, wenn wir auch von den Torbauten selbst
keine Vorstellung haben. Der Verlauf der K a -
Steilgräben ist dagegen nur zum Teil gesichert.
Die divergierende Richtung der einzelnen Graben-
systeme haben uns S. 20 veranlaßt, hier zwei verschie-
dene Bauperioden anzunehmen, wobei einer ersten
Phase ein Doppelgraben und einer zweiten ein ein-
zelner Spitzgraben zuzurechnen ist. Die beiden Gra-
bensysteme können keinesfalls gleichzeitig neben-
einander bestanden haben, da sie auf der Nordseite
in spitzem Winkel aufeinander zustreben und sich
dann überschneiden. Ihr zeitliches Verhältnis kann,
da Schichtbeobachtungen fehlen, aus dem topogra-
phischen Befund allein nicht geklärt werden. Einen
ersten Hinweis geben Kleinfunde, die man in einem
der Doppelgräben fand. Sigillaten und andere Ke-
ramiksorten sind einwandfrei claudisch und gehören
mit zu den frühesten Funden, die wir aus Burghöfe
kennen2. Man ist daher geneigt, mit allem Vor-
behalt das Doppelgrabensystem als erste Periode an-
zusprechen. Daß dies in der Tat durchaus möglich er-
scheint, lehrt ein Vergleich mit den benachbarten, etwa
gleichzeitigen Erdkastellen vonUnterkirchbergu.Riß-
tissen, wo gründlichere Grabungsbefunde vorliegen.
Die Ausgrabungen von 1929 im Donau-Iller-
Kastell Unterkirchberg3 (Ldkr. Ulm) brachten fol-
gendes Ergebnis:

Der Verlauf der Spitzgräben an der Süd- und West-
seite des Kastells konnte weitgehend geklärt werden,
wobei zwei parallel laufende Gräben von einem einzel-
nen Graben überlagert wurden. Der Einzelgraben deckt
sich aber in seiner Richtung nicht ganz mit der der
Doppelgräben, so daß er teils den inneren, teils den
äußeren Graben überschneidet, also eindeutig jünger ist.
Die Einfüllung der älteren Gräben bestand aus starken
Brandschichten (mit verbranntem Lehm durchsetzte
Holzkohleschicht), die in fast allen Suchschnitten an-
getroffen wurden. Nach Meinung der Ausgräber handelt
es sich hierbei um die Überreste der in Brand geratenen
und in die Gräben gestürzten Holzbohlen der Erdwall-
versteifung oder der Palisadenwand. Die Datierung der
beiden Grabensysteme gelang durch Sigillaten, und zwar
fanden sich auf der Sohle der älteren Gräben claudische,
in dem darüberliegenden Einzelgraben dagegen vespa-
sianische Scherben.
Die Grabungen im Kastell Unterkirchberg haben
also den wichtigen Nachweis eines älteren Erdkastells
mit Doppelgraben (vermutlich in claudischer Zeit er-
richtet) und eines jüngeren Lagers mit Einzelgraben
(vermutlich vespasianisch) erbracht. Ferner gab es
deutliche Hinweise, daß das ältere Lager durch einen
Brand zerstört worden sein muß.
In dem weiter donauaufwärts gelegenen Kastell
Rißtissen (Ldkr. Ehingen) konnte zu den Wehr-
anlagen Folgendes festgestellt werden4:
1 Hofheim 13 ff. Vgl. auch die Tortürme des domitianischen
Kastells Munningen ORL. B VI, 2 Nr. 68 a (1929) Taf. 1.
2 Es sei ausdrücklich darauf hingewiesen, daß die Datie-
rung eines Kastells durch Einzelfunde aus den Umfassungs-
gräben äußerst unsicher bleiben muß, solange nicht noch andere
Datierungsmöglichkeiten hinzutreten. Bei unseren Erdlagern
liegt der Fall insofern günstig, als hier eine römische Besied-
lung vor der ersten militärischen Besetzung durch die Römer
nicht vorhanden war. Finden sich also in einem Spitzgraben die
ältesten Scherben von diesem Platz überhaupt, so ist die Datie-
rung für den Beginn dieser ersten Anlage ziemlich genau um-
schrieben.
3 Germania 13, 1929, 1 ff. (W. Veeck u. R. Knorr).
4 Festschr. d. K. Altertümerslg. in Stuttgart (1912) 46 ff.
(P. Goessler u. R. Knorr); Fundber. aus Schwaben 14, 1906, 23;
18, 1910, 63; 19, 1911, 73; 20, 1912, 44 ff.; 21, 1913, 66 ff.;
22-24, 1914-16, 26 ff.; NF 1, 1917-22, 93 ff.; 2, 1922-24,
34 f.; 3, 1924-26, 121 f.; 4, 1926-29, 99 f.; 5, 1928-30, 84;
12, 1938-51, 74.

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