Ulbert, Günter
Die römischen Donau-Kastelle Aislingen und Burghöfe — Limesforschungen, Band 1: Berlin, 1959

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Vorwort der Herausgeber

Das römische Reich, eine der größten und dauerhaftesten Völkervereinigungen der
Geschichte, war das Ergebnis erfolgreicher politischer, militärischer, wirtschaftlicher und zivi-
lisatorischer Anstrengungen. Die militärischen Leistungen Roms mögen von manchen Ge-
schichtsschreibern der Vergangenheit zu einseitig in den Vordergrund gestellt worden sein, in
unserer Zeit werden sie oft unterschätzt. Militärgeschichte ist keineswegs nur ein abseitiges
Spezialgebiet der Forschung, sondern ist eine Manifestation allgemeinster sozialer Ver-
haltensweisen.
In allen Wachstumsepochen des römischen Reiches mußte der militärischen Stärke der
Grenzzonen besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden. Man sicherte genommenes Land
entweder flächig durch die Besetzung militärisch oder politisch wichtiger Punkte oder man
schützte die Grenzstreifen durch Festungslinien mit einem tiefen Hauptkampffeld. Grund-
züge dieses militärischen Systems wurden bereits in frühen Jahrhunderten republikanischer
Machtentfaltung ausgebildet, indem man sich die Erfahrungen griechischer Kriegskunst zu-
nutze machte. Unter dem Prinzipat fanden sie ihre weithin sichtbare Vollendung. In der
Spätantike kam ihre große Stunde der Bewährung. Byzanz und die islamischen Staaten
waren die Erben der Festungsbaukunst des Altertums.
Der Ausbau militärisch stark gesicherter Grenzzonen veränderte sehr die gesamte Struk-
tur der Grenzprovinzen des Reiches. Die Anwesenheit von vielem Militär, das im ersten
Jahrhundert der Kaiserzeit vor allem aus Italien oder den besonders stark romanisierten
Provinzen kam, das aber auch später die Völker des Reiches infolge vielfacher Truppenver-
schiebungen durcheinandermischte, brachte einen besonderen Lebensstil in das Land. Die
Grenzzonen müssen darum auch unter siedlungs- und kulturgeschichtlichen Aspekten stu-
diert werden. Das Siedlungsbild der Randprovinzen unterschied sich von dem der inneren
Provinzen. Die einzelnen Siedlungsformen hatten ihre besonderen Funktionen im Provinz-
ganzen. Sie können nur unter Berücksichtigung wirtschaftsgeschichtlicher Tatsachen erhellt
werden. Für wirtschaftsgeschichtliche Untersuchungen und für die Kenntnis der Zivilisation
an den Grenzen ist die Bearbeitung der Kleinfunde von Bedeutung. Diese dienen nebenher
auch als Datierungsmittel.
Das Lebensgefühl der römischen Grenzzonen wurde auch durch die Nachbarschaft des
Auslandes geformt. Das Verhältnis der Grenzprovinzen zu den Nachbarn des Reiches war
sehr verschiedenartig. Es reichte vom freundschaftlichen Zusammenleben, das sogar die poli-
tische Form von Klientelstaaten fand, über indifferentes Verhalten zu offener Feindschaft.
Feindliche Einfälle erlitt in erster Linie die Bevölkerung der Militärgrenze. Auch diese poli-
tisch wichtigen Verhältnisse, die den zivilisatorischen Einfluß Roms auf seine Nachbarn, aber
auch die Unterschiede der Rechtsauffassung diesseits und jenseits der Grenzlimites ein-
schließen, sind ein Teil der Geschichte der Grenzprovinzen.
Die Erforschung der römischen Grenzfestungen hat im 19. Jahrhundert in Deutschland
einen großen Aufschwung genommen. Historiker und Archäologen, humanistisch gebildete
Offiziere und Privatleute arbeiteten Hand in Hand. Aber bald zeigte sich, daß ohne exakte
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