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Wertheim Aymès, Clément Antoine; Bosch, Hieronymus
Hieronymus Bosch: eine Einführung in seine geheime Symbolik ; dargestellt am "Garten der himmlischen Freuden", am Heuwagen-Triptychon, am Lissaboner Altar und an Motiven aus anderen Werken — Berlin, 1957

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https://doi.org/10.11588/diglit.29111#0095
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DER LINKE FLÜGEL

Das Paradies

Auch die Paradies-Tafel ist in zwei Bereiche geteilt,
wie die Mitteltafel in den sattgrünen Vordergrund des
unteren Devachan und den gelben Bereich des oberen
Devachan (der die Sonnen-Tierkreis-Region und die
Planeten-Sphäre umfaßt) gegliedert ist. Die Grenze-
bildende dunkelgrüne Hecke der Mitteltafel setzt sich

O

über den Rahmen fort und verbreitet sich im Paradies
zu einem laubreichen Waldgürtel. Auch der Horizont
der Mitteltafel läuft auf dem Paradies-Flügel weiter.

Während die Eigenart der Bosch’schen Bildwelt bei
der Mitteltafel und beim Purgatorium-Flügel sofort ins
Auge fällt, könnte man zunächst meinen, lediglich eine
individuelle künstlerische Variante, eben die Bosch’-
sche, der traditionellen Paradies-Bilder zu sehen. Doch
erweist sich bald, daß Hieronymus Bosch auch hier
eigene Wege gegangen ist. Wiederum steht die schein-
bar willkürliche Phantasie im Dienste der Veranschau-
lichung der von Jacob von Almaengien dem Maler ver-
mittelten Rosenkreuzer-Lehren. Es ist für den an ab-
strakten Begriffen und Formeln geschulten Menschen
der Gegenwart nicht leicht, zu den bilderreichen und
bildsamen Vorstellungen jener alten Lehren einen Zu-
gang zu Enden. Doch dürften die kurzen Andeutungen,
die unserer Betrachtung verschiedentlich eingefügt
werden mußten, immerhin aufgezeigt haben, wie
selbstverständlich alles Wissen auf eine Zusammen-
schau gerichtet war, wie jene Esoteriker ein Weltbild
vertraten, in dem das Seelisch-Geistige im Menschen
mit dem Geistig-Schöpferischen in der Natur und im
Kosmos verbunden war. Lind man kann ferner spüren,
daß das, was mündlich an die jeweils Reifsten und
Würdigsten vom seelenkundigen Meister weitergege-
ben wurde, sowohl der Bedeutung wie dem äußeren
LImfang nach ein Vielfaches von dem war, was im 17.
Jahrhundert in schriftlicher Form niedergelegt wurde.
Daher war die Symbolsprache der Bibel den Rosen-
kreuzern offensichtlich noch vertraut.

Zu den wenig beachteten Eigentümlichkeiten der
Bibel gehört auch der Unterschied zwischen dem
Schöpfungsbericht im 1. Kapitel der Genesis (1. Buch
Moses) und dem Bericht im 2. Kapitel, zwischen der
Ur-Schöpfung und der zweiten Schöpfung. In seinem
Buch »Der Ursprung im Lichte« hat der bekannte In-
dologe Fiermann Beckh35 entwickelt, auf welche Vor-
gänge die Bildersprache der biblischen Schriften hin-
weist und wie die Unterschiede in den Schöpfungs-

berichten zu verstehen sind. Darum möchten wir einen
Abschnitt aus dem Buche Der Ursprung im Lichte einfü-
gen, der einen Eindruck davon geben kann, von wel-
chen Vorstellungen etwa Hieronymus Bosch ausging,
als er im Aufträge des Hochmeisters die Paradies-
Szene zu malen begann:

Zu Genesis 1, V.24 u. 25

»Indem zur empfindenden Seele am sechsten Schöpfungstage
noch hinzukommt das Abbild und Ebenbild der schaffenden
Gottheit selbst, das Menschen Ich, vollendet sich dieses Urbild
der Menschenwesenheit, und mit ihm das Urbild der Menschen-
form. Dies bedeutet die vierte Stufe des Menschenwerdens,
den krönenden Abschluß des Schöpfungswerkes der Elohim.
Zuvor muß zu dem, was in Wasser und Luft sich regt, noch
hinzukommen das Urbild der Erdentierheit, wie es aus dem
Kosmos in die werdende Erdenwesenheit hereinstrahlt.

Was da als Löwe entsteht, ist nicht der heutige Erdenlöwe,
sondern der kosmische Löwe als die Summe der aus einer be-
stimmten Region des Kosmos herunterkommenden Kraftstrah-
len, die vom werdenden Menschen als Herzenskräfte aufge-
nommen werden.

Dem Seherauge gestaltet sich dies zum Bilde des Löwen.
Indem das göttliche Denken durch eine ganze Entwicklungs-
reihe tierischer Formen hindurchgeht, entsteht aus diesen
tierischen Formen zuletzt die Menschenform.

Zu Gen. 1, 26-31

Und das Menschen-Ich soll der Herr sein über alles, was die
einzelnen Kräfte des empfindenden Lebens sind. Nur Bild für
dieses innere Wesensverhältnis ist dasjenige, wovon als einem
Gebote äußerer Herrschaft die Genesis ihrem Wortlaute nach
spricht. Der himmlische Mensch, der Mensch der Urbeginne,
Adam Kadmon, hat noch all das Wesenhafte in sich, das der
spätere Erdenmensch allmählich aus sich heraussetzt. Er, das
Abbild und Ebenbild der schaffenden Gottheit, ist selbst noch
die Welt und vereinigt in sich alle Weltengegensätzlichkeit:
»Und die Gottheit der Elohim wob im schaffenden Gedanken
den Menschen zu ihrem Abbilde, zum Bilde des Göttlichen
schuf sie ihn. Und sie schuf ihn ein Männliches, ein Weibliches«.
Den Welten-Urgegensatz des Männlichen und Weiblichen, der
schon im uranfänglichen Schöpfungsgegensatze des Oberen und
Unteren, des Himmlischen und des Irdischen leise anklingt,
trägt der himmlische Mensch, der Gedanke der Götter und
ihr Ebenbild, noch in sich selbst. Aber was so der Mensch in
Einheit noch in sich trägt, es steht vor dem Auge des Sehers
im Bilde der doppelten Form, der männlichen und weiblichen.
Was in diesem Bilde angeschaut wird, ist die Urverbundenheit
dessen, was sich später irdisch getrennt hat, jene Urverbunden-
heit des Männlichen und Weiblichen im Schoße des göttlichen
Lebens, von der alle irdische Verbindung das unvollkommene
Abbild ist.

»Und die Gottheit schuf den Menschen zu ihrem Bilde, zum

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