Westdeutsche Zeitschrift für Geschichte und Kunst / Korrespondenzblatt — 10.1891

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gegenständen, Thongefässen, besonders den
sonst so zahlreichen Sigillatascherben auf.
Dieser Umstand in Verbindung mit dem
Fehlen von Brandschutt im Haupthause
nötigte zu der Annahme, dass dasselbe
hei der Eroberung des Landes nicht sofort
zerstört, sondern von den Eroberern wei-
ter benutzt und allmählig verfallen ist, eine
Annahme, die vollkommen zu der vom
Vortragenden auch an anderen Orten ge-
machten Beobachtung eines gewissen kul-
turhistorischen Zusammenhangs zwischen
der römischen Okkupation und der auf sie
folgenden germanischen Besiedelung der
Wetterau stimmt. Von Brandschutt erfüllt
war dagegen ein nördlich von der Lang-
seite des Haupthauses gelegener, gegen
diese schräg gerichteter unterirdischer Gang
von 1 m Breite, dessen Seitenmauern, ob-
gleich nur 0,60 m stark, zum Teil noch
fast 2 m hoch vollkommen unverletzt er-
halten waren. An ihn, den wir wohl als
den Zugang zu dem an der Nordostecke
des Hauses gelegenen Praefurnium des dort
an seinen Bestandteilen erkennbaren Hy-
pokaustums ansehen dürfen, hatten sich
nach dem Hause hin leichte, schieferge-
deckte Wirtschaftsräume angeschlossen,
deren verbrannte Balken dicht unter der
Ackerkrume lagen und eine unter ihnen
sich ausbreitende Schicht von Lehmschlag
rot gebrannt hätten, so dass an ihr der
ursprüngliche Bauhorizont noch zu erken-
nen war.
Die Ausdehnung des Trümmerfeldes,
welches ein Quadrat von etwa 100 m Sei-
tenlänge bildet, sowie die Grösse und Be-
schaffenheit des Hauptgebäudes gestatten
den Schluss, dass auf dem Weiler Berge
eine ländliche Villa grösseren Stils lag,
wie sie in Oberschwaben von Professor
Miller nachgewiesen und beschrieben sind,
bei welchen, wie Vitruvius, Buch VI, Kap.
6 (10), dies als für die feiner eingerich-
teten villae rusticae im Unterschied von
den gewöhnlichen charakteristisch angiebt,
das Herrenhaus von den Wirtschaftsge-
bäuden und Ställen getrennt war.
Bezeichnend für den Charakter der An-
siedelung ist auch der Name der Fund-
stätte und des Dorfes.
Man hat die auf „weil“ und „weiler“

ausgehenden Ortsbezeichnungen oft als eine
Eigentümlichkeit des allemannischen Volks-
stammes gegenüber den fränkischen Namen
auf „heim“ bezeichnet und aus dem Vor-
kommen dieser Bildungen auf die zeit-
weilige Verbreitung der Stämme geschlos-
sen. Uber die Ableitung der Bezeichnung
herrschen verschiedene Ansichten. Wäh-
rend die einen ein altdeutsches Wort
„willari“ mit zugrunde liegender Wurzel
„willa“ annehmen, betrachten die anderen,
unter ihnen hervorragende Germanisten,
„weil“ und „weiler“ als römische Lehn-
wörter, welche in diesem Falle entschie-
den für eine gewisse Kontinuität zwischen
römischer und frühmittelalterlicher Besie-
delung der in Frage kommenden Gegenden
sprechen würden, zumal da sich an den
meisten dieser Orte römischer Anbau, und
zwar regelmässig nicht militärischen Cha-
rakters nachweisen lässt.
In der Wetterau gehören zu diesen
Plätzen ausser Dortelweil (urkundlich im
8. Jahrh. Thurchilawilla, später Dorckel-
wile und Durckelwile): Vilbel (Felwila,
Velwile, Vihvile), Rendel (Rantwilre), Pet-
terweil (Phetruwila), Echzell (Achizwila).
Auch die, welche in ihnen nur einen Be-
weis für die der-fränkischen vorausgehende
allemannische Besiedelung der Wetterau bis
Echzell hinauf (?) erblicken, müssen gerade
deshalb sie als die ältesten, unmittelbar
nach der Vertreibung der Römer, sicher-
lich vor dem Jahre 500 n. dir. angelegten
Niederlassungen betrachten. Sehr wichtig
ist es auch, dass die Bezeichnung „weil“
und „weiler“ nicht nur, wie die Bildungs-
silbe „beim“, als zweiter Bestandteil von
Ortsnamen Vorkommen, sondern, wie auf
dem Weiler Berg, so auch in Bayern und
Würtembcrg, alleinstehend als Flurbezeich-
nungen gefunden werden, und zwar, wie
Professor Ohlenschlager (Sage und Forsch-
ung, München 1885, S. 13) hervorhebt, für
Grundstücke, auf welchen sich römischer
Anbau nachweisen lässt.
Aber der Name war nicht der einzige
Anhaltspunkt für die Annahme eines kultur-
geschichtlichen Zusammenhangs zwischen
der römischen und germanischen Ansiede-
lung. Wie bei fast allen bedeutenden mili-
tärischen und bürgerlichen Niederlassungen
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