Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 2.1907

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XVII.

Kunstwissenschaft und Völkerpsychologie.

Ein Versuch zur Verständigung.

Von
August Schmarsow.

2.

Wenn »die Phantasie kein besonderes Geistesvermögen ist, das
außerhalb des Zusammenhanges der überall wiederkehrenden elemen-
taren psychischen Vorgänge steht, sondern aus einer Verbindung dieser
Vorgänge entspringt, in deren Produkten nur die bereits bei den Sinnes-
wahrnehmungen und Erinnerungsvorgängen wirksamen assimilativen
und apperzeptiven Prozesse mit den an sie gebundenen Gefühls-
erregungen wiederkehren* (Wundt, Vps. II, 1, 283), so eignet sich
dieser Komplex psychischer Erscheinungen, die wir Phantasie nennen,
überhaupt nicht dazu, als unterscheidendes Grundprinzip in eine De-
finition der Kunst einzutreten, sondern er kann nur selbst erst Gegen-
stand psychologischer Untersuchung sein und sollte es vorerst bleiben.
Denn in jeder weiteren Rechnung wäre die bildende Tätigkeit der Seele
nur eine Unbekannte, d. h. ein x, das mit Hilfe bekannter Größen
gesucht werden könnte. Deshalb empfiehlt es sich durchaus, auch
auf dem Gebiete, das man der künstlerischen Phantasie zuweist, die
höchstens als Steigerung der gewöhnlichen angesehen werden soll,
nicht einen so variablen Faktor oder eine so rätselhafte Verquickung
psychischer Vorgänge zum Ausgangspunkt zu wählen und damit zu
operieren, als sei darin ein bestimmter Anhalt oder ein spezifisch Neues
gegeben.

Es sollte vielmehr versucht werden, an dem Prinzip, das als strenger
psychologischer Untersuchung zugänglich anerkannt worden und als
solches für die Erklärung der Sprache schon in Anspruch genommen
ist, festzuhalten, nämlich an den Ausdrucksbewegungen. Das einzige,
was beim Beginn künstlerischer Betätigung hervorgehoben werden
könnte, wäre somit »das nach außen gerichtete Streben, das psychische
Gebilde zu verwirklichen und es selbst in ein Objekt der Wahrnehmung
zu verwandeln«; denn »durch die hinzukommenden Willensantriebe«
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