Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 2.1907

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XIX.

Über Umfrage und Sammelforschung in der

Ästhetik.

Von

Vernon Lee.

Der folgende Fragebogen, die verschiedenen Arten musikalischen
Genießens betreffend, wird den Lesern der Zeitschrift für Ästhetik nicht
so sehr mit der Hoffnung auf Beantwortung vorgelegt, als vielmehr
in der Absicht, gewisse Methoden der ästhetischen Forschung zu er-
klären und zu besprechen. Ob es mir gelingen wird, durch diesen
Fragebogen nutzbares Material zu sammeln, ob dergleichen Fragebogen
überhaupt für ähnliche Fälle brauchbar sind; dies sind Fragen, welche
Tatsachen und Theorien in sich begreifen, deren genaue Untersuchung
im gegenwärtigen Entwicklungsstadium dessen, was eines Tages die
Wissenschaft des Schönen und der Kunst werden mag, ganz unent-
behrlich ist.

Daher wird vielleicht auch die Erzählung, wie ich dazu kam, diesen
Fragebogen zusammenzustellen, und die Erklärung dessen, was ich da-
durch zu bewirken hoffe, anderen Forschern auf demselben Gebiet
von Nutzen sein, indem sie dadurch den Anstoß erhalten, von neuem
zu bedenken, nicht nur welche Methoden zur Erforschung der ästhe-
tischen Probleme angewandt werden können, sondern welcher Art
diese Probleme überhaupt in Wirklichkeit sind. Mein persönlicher
Beitrag zur Diskussion wird am besten dadurch entrichtet, daß ich so-
zusagen die Lebensgeschichte dieses speziellen Fragebogens liefere.

Ich bin immer der Überzeugung gewesen, daß die Musik, wenn
es nur möglich wäre, sie einer unverfälschten psychologischen Unter-
suchung zu unterziehen, das allergünstigste Feld für ästhetische For-
schung sein würde. Hier fände man die bedeutsamsten Tatsachen
und anderwärts anzuwendende Hypothesen, die auch — wenn erst ge-
wisse Anfangsschwierigkeiten überwunden wären — am wenigsten
durch verwandte oder fremde Erscheinungen verwirrt und verdunkelt
würden. Die Musik — dies habe ich immer geahnt — sollte die
eigentliche Eingangstür zur Ästhetik sein. Aber diese Tür schien fest
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