Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 28.1934

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BESPRECHUNGEN

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hier zu einer Reihe fruchtbarer Formulierungen, denen Zukunftswirksamkeit beschie-
den war: so etwa den Ausführungen über das Schönheitskriterium der Vieleinheit,
die Bedeutung des Individuell-Konkreten für das Wertgebiet des Ästhetischen usw.
Von Baumgarten geht es dann zu Kant, der in drei Abschnitten (Das interesselose
Wohlgefallen", „Einbildungskraft und Verstand", „Freie und anhängende Schön-
heit") einläßliche Darstellung findet, wobei mit bemerkenswerter Kraft der Konzen-
tration erstaunlich viel Wesentliches der Kantschen Lehre in diese drei kurzen
Kapitel hineingebracht wird. Mit der Ästhetik der Klassiker beschäftigen sich —
relativ sehr eingehend — die Abschnitte: „Der Spieltrieb", „Der ästhetische
Mensch", „Arkadien und Elysium", „Tragik des Schönen". In den eben angeführten
Abschnitten wird die Absicht des Autors besonders deutlich, seine Geschichte der
Ästhetik auszuweiten zu einer knappen, aber umfassenden geistesgeschichtlichen und
kulturphilosophischen Darstellung, wie es denn überhaupt Verdienst dieses kleinen
Buches ist, nicht bei der Aufzählung von Namen und Büchertiteln stehen zu bleiben,
nicht isolierte Theorien zu registrieren, sondern die ästhetischen Ansichten und Leh-
ren in ihrem organischen und notwendigen Hervorwachsen aus einem philosophi-
schen oder künstlerischen Weltbild aufzuzeigen.

Die Gipfelleistungen der deutschen spekulativen Ästhetik betrachtet das Kapitel
„Das sinnliche Scheinen der Idee". Die folgenden Abschnitte „Die Einfühlung" und
„Experimentelle Ästhetik" führen bereits zur Moderne über, die indes von der Dar-
stellung ausgeschlossen bleibt. Die Schlußkapitel beschäftigen sich mit der Kunst-
lehre Konrad Fiedlers und A. Hildebrands, wie sich denn Utitzens Darstellung nir-
gends auf die Leistung der Fachphilosophen beschränkt, sondern auch in aus-
giebigem Maß die sogenannte Künstlerästhetik heranzieht. Auch die neuerdings so
fruchtbar gewordene Scheidung von ästhetischer und allgemein kunstwissenschaft-
licher Fragestellung rindet angemessene Behandlung.

Mit dieser kurzen Angabe des Inhalts ist indes das eigentlich Wertvolle und
Verdienstliche dieser Arbeit nur eben angedeutet, insofern vielleicht, als man daraus
bereits die geschickte und glückliche Auswahl der tragenden Grundfragen zu er-
kennen vermag. Die in die Darstellung aufgenommenen Probleme sind gleicher-
weise zur Information über die wichtigsten Leistungen des ästhetisch-kunstphilosophi-
schen Denkens im Lauf der Jahrhunderte wie zur sachlichen Einführung in das
Aufgabengebiet der Ästhetik geeignet. Leider fehlt uns der Raum, an Hand einiger
Beispiele zu zeigen, wie Utitz mit wenigen treffenden Worten den Wesensgehalt einer
Theorie klarzulegen und das Fruchtbare an ihr aufzuweisen versteht, wie es ihm
gelungen ist, scharfsinnig und originell zu zahlreichen Grundfragen der Ästhetik
Stellung zu nehmen und zugleich auch eine Fülle von wertvollen Einsichten der
neuesten Fachliteratur dem Leser nahe zu bringen.

Wien. Friedrich Kainz.

Ernst Cassirer: Die Philosophie der Aufklärung. Verlag J. C.

B. Mohr (Paul Siebeck), Tübingen 1932.
Anna Tumarkin: Der Ästhetiker Johann Georg Sulzer. Verlag

Huber & Co., Frauenfeld-Leipzig 1933.
Ernst Cassirer stellt die Philosophie der Aufklärung so dar, wie er schon mehr-
fach die Philosophie eines bestimmten Zeitabschnittes beschrieben hat, nämlich als
eine geistige Bewegung, die von inneren Kräften geformt wird. Das Eigentümliche
der Aufklärung sieht er darin, daß sie nicht mehr an die Macht der Systematik
glaubt, nicht mehr ein philosophisches Lehrgebäude neben oder über die andern
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