Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 28.1934

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BESPRECHUNGEN

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der Verschiedenheit der Aufgaben, der Gegenstände gefordert ist, mit spielender
Leichtigkeit vorgenommen wird, schließen sich nicht minder auf eine sehr positive,
bescheiden-vornehme Weise werbend zum Gesamtbild der im Umfang literar-
geschichtlicher Forschung überhaupt möglichen und fruchtbaren Haltungen zu-
sammen, indem sich ihre Vielfältigkeit — gewiß mit Bewußtsein und Absicht —
gegen jede Vereinseitigung als Verkümmerung richtet. Hier stehen die verschiede-
nen Mittel der geschichtlich-ästhetischen Auffassung in einem sie alle übergreifen-
den Zusammenhang des notwendigen Ausgleichs. Der junge Germanist fände hier
die Relativität aller methodischen Einsätze und die Notwendigkeit, ihre Mannig-
faltigkeit zu beherrschen, in der Folge der Aufsätze wie an Musterbeispielen ver-
wirklicht. So repräsentiert der früheste Aufsatz über das Motiv der Minneburg in
„Maria Stuart" die quellengeschichtliche Forschung, der (umgearbeitete) Aufsatz
über Goethes Mondlied das Muster der notwendigen Verschmelzung historisch-
philologischer und psychologisch-ästhetischer Interpretation des Einzelwerks. Der
Kleinstaufsatz gibt sein Bestes im Vorbild der Wendung zum („musikalischen")
Sprachstil, der Danziger Vortrag „Goethe und die deutsche Sprache" weitet die
Sprachanalyse zu einer Geschichte Goetheschen Sprachstils, in welcher die beiden
ersten Epochen in die dritte des Altersstils als die der „Universalität" und Totalität
hinein entwickelt werden, eine erstaunliche Fülle im engsten Raum! Der Aufsatz
Schiller—Shakespeare erhebt sich zu den das Sprachliche übergreifenden Gestalts-
problemen. Im rein Psychologischen bleiben die Beiträge über „Schiller im Ge-
spräch", Frau Rat und Bettina, Goethe und Frau von Stein; der letzte ein be-
glückendes Zeugnis der intimsten und zugleich taktvollsten Erfühlung. Schließlich
eröffnen die Beiträge „Lessing und Goethe" und „Schiller und Shaw" geistes-
geschichtliche Weiten. Selbst hier und gerade hier stehn im vollen Einklang der Sinn
für die Ganzheiten und die Bemeisterung der Einzelfakten und -fragen, die persön-
liche Beteiligung und die Kraft des Vergegenständlichens, die geschichtliche Auf-
fassung und das vielfältig regsame Kunstgefühl.

Göttingen. Kurt May.

Hans Kasdorff: Der Todesgedanke im Werke Thomas
Manns. Leipzig: Eichblatt 1932. XX, 213 Seiten. (Form und Geist, Arbeiten
zur germanischen Philologie, Bd. 26.) ,

Das Verhältnis zum Tode hat in der Dichtung Thomas Manns entscheidende
Bedeutung, und man kann gewiß, wie es die vorliegende Untersuchung anstrebt,
von ihm aus zu einem umfassenden Verständnis seines Werkes gelangen. Der
Verfasser sieht in der Gestaltung des Todesproblems bei Thomas Mann die grund-
legende Verwandtschaft mit Schopenhauer zum Ausdruck kommen; er findet im
Verlauf des Mannschen Schaffens eine Wendung, eine Abkehr von der Sympathie
mit dem Tode und einen Entschluß zum Lebensdienst. In den früheren Novellen,
die alle mehr oder weniger von dem Todesgedanken beherrscht sind, kommt der
Tod aus gebrochenem Selbstgefühl, erloschenem Willen, er endet ein Leben, das
ausgehöhlt ist und sich dem Tode zuneigt. Die Sympathie mit dem Tode ent-
springt aus dem Wissen um die Wertlosigkeit des Lebens. In den Buddenbrooks,
wo die Menschen ebenso an Lebensschwäche sterben, sieht der Verfasser das Pro-
blem kompliziert durch das, was er Verinnerlichung nennt, eine Steigerung der
Kräfte des Willens und Intellekts, die die Seele im Menschen verkümmern läßt.
Er arbeitet dabei mit den Begriffen der Philosophie von Klages, die Geist und
Leben einander gegenüberstellt. Die Gestalten Thomas Manns, für die die Welt
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