Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 28.1934

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BESPRECHUNGEN

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fremdet sind, daß ihnen der Tod ein Geschenk, eine Erweiterung des Lebens ins All
bedeutet, während der Tod in Thomas Manns Dichtungen ein ersterbendes Leben endet.
Aber das Urteil wird schief, wenn er aus diesem Gegensatz unter Heranziehung der
politischen und kulturpolitischen Schriften Thomas Manns einen flachen Rationalis-
mus und Fortschrittsglauben in seinem Werk ableitet und im Namen der Lebens-
philosophie bekämpft. Es geht überhaupt nicht an, diese Aufsätze, die oft nur sehr
leichten Gewichts sind, ohne weiteres mit den Kunstwerken auf eine Stufe zu stellen.
Nur von der Dichtung aus läßt sich die Bedeutung des Todesgedankens im Werk-
Thomas Manns richtig bewerten. Seine Dichtung stellt das Leben dar, das im
Zeichen des Todes steht. Er weiß von dem tieferen und volleren Leben, aber seinen
Geschöpfen ist es versagt, es er;cheint ihnen nur in vorüberfliehenden Visionen.
Wenn er dann zuletzt doch das Bekenntnis zu diesem Leben, zu einem Leben in
unmittelbarer Todesnähe als Forderung aufstellt, so liegt darin eine Art von herbem
Ethos, das mit rationalistischem Optimismus nicht richtig bezeichnet ist. Auch in
Thomas Manns Auffassung vom Wesen des Künstlers, wie sie im Tonio Kröger
zum Ausdruck kommt, sieht Kasdorff einen Beweis für die Seelenlosigkeit und
Lebensfeindlichkeit seiner Kunst, die er dann auch in dem gedanklichen Charakter
seiner Sprache ausgeprägt findet. Aber diese Darstellungsart entspricht dem, was
Thomas Mann darstellen will. Ihr Wesen ist die Ironie. Tonio Kröger sehnt sich
nach den Wonnen der Gewöhnlichkeit, weil ihm die Kraft zum vollen Leben fehlt,
so bleibt ihm nur übrig, wie dem Dichter selbst, das gewöhnliche Leben ironisch
darzustellen. Aber eben die Ironie zeigt, daß dies Leben nicht das ganze Leben ist.

Trotz verschiedener sachlicher Einwände ist anzuerkennen, daß die Schrift das
Problem von vielen Seiten beleuchtet und zur Charakteristik Thomas Manns wert-
volle Gesichtspunkte herausarbeitet.

Oranienburg-Eden. Meta Corssen.

Richard Alewyn, Johann Beer: Studien zum Roman des 17.
Jahrhunderts. Leipzig 1932.

Alewyn sammelt, beschreibt und deutet die bisher nur unter Pseudonymen
bekannten und wenig beachteten Romane des spätbarocken Dichters Johann Beer
und ergänzt die Biographie dieses bisher nur als Musikschriftsteller bekannten
Dichters durch die Ergebnisse persönlicher Nachforschungen an den Aufenthalts-
orten Beers und durch biographische Anspielungen seiner Schriften. Durch ihr
Gebiet, durch Fleiß, Spürsinn und Umsicht des historisch kritischen Teils sehr
verdienstlich, hätte diese Untersuchung ohne Zweifel auch über das Wesen der
spätbarocken Romanliteratur tieferen Aufschluß geben können ohne Alewyns wenig
glücklichen Einfall, seiner Arbeit den Charakter einer Entdeckung zu geben. Denn
diese Tendenz, die mehr als fragwürdig und nur mit Gewalt zu behaupten ist,
hintertreibt die unbefangene Erschließung des Phänomens.

Alewyn bemerkt einleitend, als ehrlicher Finder über einen Dichter zu schrei-
ben, dessen Name bisher noch nicht einmal bibliographisch vorgekommen sei.
Beer stünde heute neben Grimmelshausen, wenn sein Werk den Romantikern ge-
sammelt bekannt gewesen sei. Nun sind, wie Alewyn an anderem Orte angibt, die
Romantiker mit Beers wichtigen Romanen hinreichend vertraut gewesen. Jac.
Grimm hat Beers häufigstes Pseudonym Jan Rebhu schon irrtümlich in Johann
Huber aufgelöst. Unter diesem Namen ist dieser Teil der Beerschen Werke seit-
dem „in allen Bibliographien und Katalogen zu finden". (2.) Die Literaturgeschichte
des 19. Jahrhunderts hat Beers Werke mehrfach behandelt. Den hinter dem Jan
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