Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 28.1934

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BESPRECHUNGEN

Verhältnis dieser beiden Begriffe ist so gedacht, daß sich der „anthropomorphe Ein-
fühlungsakt" als eine Steigerung der Persönlichkeitsapperzeption darstellt (100).
Diese faßt zwar den ästhetischen Gegenstand „unter den konstitutiven Wesens-
merkmalen der personalen Existenzform" (91), aber noch nicht notwendig als
menschliche Person auf. Gegenüber dem Dilemma von empirischer und nazisti-
scher Einfühlungstheorie entscheidet sich K. für die Sternsche Konvergenzlehre,
wonach an jedem Einfühlungsakt stets beide Faktoren beteiligt sind, angeborene
Anlage und empirischer Erwerb. Das VI. Kapitel „Zur Raumästhetik" gehört in-
haltlich eng zu dem vorangehenden und entwickelt mit Hilfe der erarbeiteten Be-
griffe und unter Anschluß an Cassirer die Problematik des „ästhetischen Raums".
In der Darlegung eines „ästhetischen Korrelativismus" (VII) werden die Extreme
des ästhetischen Subjektivismus und Objektivismus ausgesöhnt, wiederum mit Hilfe
der personalistischen Konvergenztheorie. Die Gefährdung des Geltungsanspruches
ästhetischer Urteile durch die individuelle Verschiedenheit des Geschmacks wird
dadurch überwunden, daß die Geschmacksdifferenzen zu Typengruppen zusam-
mengefaßt und so der denkerischen Bewältigung entgegengeführt werden (VIII).
Das abschließende Kapitel (IX) ist mehr Programm als Ausführung. Die ästheti-
schen Grundgestalten (das Reinschöne, Anmutige, Komische, Erhabene, Tragische
usw.) sollen aus den Grundformen der personalen Existenz entwickelt und in den
drei „Verwirklichungssphären des Ästhetischen", dem Naturästhetischen, Kultur-
ästhetischen, Kunstästhetischen aufgewiesen werden.

Die besonnenen und sachkundigen Darlegungen erreichen den Zweck, den sie
sich selbst vorgesetzt haben und zeigen, wie fruchtbar die personalistische Theorie
in Anwendung auf Fragen der Ästhetik werden kann. Sie lassen allerdings auch
die Grenzen dieser Verwendbarkeit erkennen, die aber nur in Auseinandersetzung
mit den Grundsätzen des Personalismus selbst und mit dessen als Gegensatz zur
„Sache", also in Abhängigkeit von ihr entworfenen Personbegriff, aufgewiesen wer-
den könnten. Er hält den ausgezeichneten Verfasser, wie besonders die Kapitel V
und VII (über Einfühlung und Korrelativismus) zeigen, auf einem Problemniveau
fest, das trotz tieferer Blicke im Einzelnen der Problematik etwa der späteren
Schriften J. Volkelts entspricht, das aber die gegenwärtige Diskussion dieser Fra-
gen nicht mehr ohne weiteres als ihr Kampfgebiet anerkennen sollte.

Berlin. Helmut Kuhn.

Helmut Thielicke: Das Verhältnis zwischen dem Ethischen
und dem Ästhetischen. Eine systematische Untersuchung. F. Meiner,
Leipzig, 1932. XV, 262 S.

Unbeschadet ihrer Eigenart gehört die vorliegende Arbeit nach systematischen
Voraussetzungen und methodischer Haltung in die Reihe der ästhetischen Unter-
suchungen der Rickert-Schule, wie sie von F. J. Böhm, Kreis, Kroner, Kühn u. a.
geliefert worden sind. Der Verf. nimmt als vorgegeben eine die „Welttotalität"
erschöpfende Dreiheit von Sinngebieten an: das Theoretische, Ästhetische, Ethische,
und unterwirft die beiden letzteren einer vergleichenden Betrachtung. Er beginnt
mit einem „Summandenvergleich", d. h. er stellt einzelne Bestandstücke der beiden
Gebiete vergleichend nebeneinander: das Moment des „Wertträgers", wobei sich
zeigt, daß es im Ästhetischen im Akt-Objekt, im Ethischen im Akt zu suchen ist;
den Bestimmungsgrund für das Subjektverhalten, der mit dem ästhetischen Wert-
träger zusammenfällt, im Ethischen hingegen mit der Norm; endlich das Objekt,
das der Vergleichung offensichtlich besondere Schwierigkeiten bereitet, weil ein
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