Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 28.1934

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BESPRECHUNGEN

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machen. Er tritt mit der Darstellung der Religiosität Eliots und dessen Schauder
vor dem Temperament D. H. Lawrences selbst den Gegenbeweis an.

Die besondere Art der Religiosität Eliots in ihrer Beziehung zu seiner ästhetisch-
kritischen Haltung ist überzeugend gezeichnet. Schade ist es, daß Oras eine auch
darin aufschlußreiche Schrift G. Santayanas: „Three Philosophical Poets" nicht in
Originalfassung benützt — sein Verdienst, die Beziehungen Eliots zu diesem Ameri-
kaner festgestellt zu haben, bleibt davon unberührt — und so die Gelegenheit ver-
säumt hat, die Gleichartigkeit der Vorstellung vom „idealen Dichter" bis auf die
wirkliche Person, von der Stufe Goethe über Lucretius zu Dante, festzustellen. Es
wäre daraus auch noch klarer geworden, worin sich die beiden Kritiker als religiöse
Menschen unterscheiden: Santayana als Träger einer sittlichen Weltanschauung
und zugleich einer rationalen Skepsis an ihrer unmittelbaren Gegebenheit, gegen-
über Eliot als dem eigentlich religiösen Menschen, den gerade diese Skepsis an die
Religion kettet.

Die Bedeutung T. S. Eliots als eines Wortführers des „klassizistischen" Ideals
des Dichters — des Dichters, dem die „menschliche Persönlichkeit" seines Ich nichts,
die unmittelbar überzeugende Notwendigkeit des Kunstwerks alles 'ist — erscheint
zwingend aufgezeigt und findet ihre folgerichtige Ergänzung in dem Bild des Kri-
tikers, der, bescheidener noch als der Dichter, weil er „von sich selber Verschiedenes
zu beurteilen" hat, doch ebenso die ganze, in der Tradition verkörperte Weite des
Allgemein-Menschlichen in sich verbinden muß mit der Strenge einer besonderen
Aufgabe, eine Kultur „zweitrangiger" Dichter erzieherisch zu beeinflussen.

Freudenstadt. Max Ertle.

J. Huizinga: Wege der Kulturgeschichte. Studien. Mit zwei Por-
träts. Deutsch von Werner Kaegi. München 1930, Drei Masken Verlag. 406 S.
Die „Wege der Kulturgeschichte", die Huizinga in dreizehn gedankenreichen
und stoffhaltigen Studien, Aufsätzen und Vorträgen — die nur zum Teil hier ihren
ersten deutschen Abdruck erleben — durchwandert, gewähren überall Durchblicke
auf die Kunst als Kulturgebiet. Nicht auf ihr Einzeldasein kommt es dabei an,
sondern auf ihr Eingebettetsein ins Kulturganze. Gleich der erste Aufsatz „Auf-
gaben der Kulturgeschichte" (von 1929) wirft Licht darauf. Die Ge-
schichte der Kunst gehört zu den „natürlichen Gauen" der Kulturgeschichte (S. 19),
wie Religion und Kirchengeschichte, Geschichte der Literatur, der Philosophie, der
Wissenschaft, der Technik. Aber eine tiefgründige Durchforschung ihres Bereichs
führt noch nicht zur Kulturgeschichte. Kulturgeschichtliche Betrachtung erheischt
ein „Herausheben von Lebensformen, Schaffensformen und Denkformen" (20);
damit ist sie in hohem Alaße das Ergebnis „des freien Forscher- und Denker-
geistes", der diese Formen erst gestaltet. Als Werkzeug zur Gewinnung seines
Gegenstandes dient ihm die richtige Fragestellung. An ihr läßt es die
historische Wissenschaft unserer Tage nach Huizingas Überzeugung allzuoft fehlen.
Und an einem weiteren Übel krankt sie schwer: der Entwicklungsbegriff,
gemeint als Antrieb für historische Forschung, ist ihr zur Fessel geworden, auch
in seiner modernen biologischen Gestalt als Evolutionsgedanke (24). Er wird sinn-
leer, weit über die Grenzen seiner Geltung hinaus, und gedankenlos zur Anwendung
gebracht. H. kennt nur ein historisches Gebiet, in dem „Evolution" und Mutation
uneingeschränkt herrschen: das der Kleidertracht. „Hier macht sich tatsächlich eine
Art biologischer Gesetzmäßigkeit geltend, welche die Entwicklung der Formen
bestimmt, unabhängig von Talent, Wunsch oder Interesse des Einzelnen oder der
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