Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 28.1934

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BESPRECHUNGEN

geschichte, herausgegeben von N. Hovörka, Bd. 29.) VI und 182 Seiten,
126 Bilder auf 65 Tafeln. Wien 1931, Reinhold-Verlag.

Dies kleine Buch trägt seinen vielversprechenden Titel nicht zu Recht. Denn
zunächst handelt es sich ihm gar nicht um die gesamte Kunst der Gegenwart,
sondern lediglich um die bildende Kunst, außerdem kommt die Gegenwart, d. h.
die allerjüngste Zeit, nur in dem der Baukunst gewidmeten Abschnitt zur Dar-
stellung. Das, was man landläufig als „neue Sachlichkeit und Wirklichkeit", „magi-
schen und beseelten Realismus", „neue klassizistische Formkunst" usw. bezeichnet,
die Richtungen also, die den Stoff von Franz Rohs bekanntem Buch über den
Nachexpressionismus bilden, werden für die Schaffensgebiete der Malerei und
Plastik kaum erwähnt. Aber auch die vorhergehenden Richtungen und Stile des
ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts, die man zur Moderne zählt,
Eindrucks- und Ausdruckskunst, Futurismus und Kubismus, werden lange nicht
so einläßlich erörtert, als es im Rahmen des zugemessenen Raumes wohl möglich
gewesen wäre. Dem Verfasser waren andere Dinge wichtiger. Ein großer Teil
des Textes und des angeschlossenen Bildermaterials besteht aus geschichtlichen
Exkursen und Beispielen, die — entgegen der wiederholten Versicherung des
Verfassers — mit dem Hauptthema nur in äußerst loser Verbindung stehen. So
werden ausführlich behandelt: die „allgemeinen und allein gültigen Gesichtspunkte,
die bei der Beurteilung von Baudenkmälern angewendet werden dürfen", die
Entstehung des gotischen Baustiles, die antike Plastik als beispielgebender Fall
wesensechter Bildhauerei, Michelangelos plastische Werke, Raffaels Entwicklung
als Maler, Lionardos Abendmahlbild usw. Zu diesen umfangreichen geschichtichen
Erörterungen kommen dann zahlreiche systematische Ausführungen, so über
„Bauen" und „Ausstatten", die Rolle des Kunstmaterials in der Plastik, die
elementaren Kunsteinstellungen (Realismus, Naturalismus, Impressionismus, Ex-
pressionismus). Ein eigener Abchnitt behandelt das Verhältnis von Kunst und
Gesellschaft. In den prinzipiellen Anschauungen mischt sich ein handfester Kunst-
materialismus (nicht seelische, sondern lediglich technische Werte bestimmen das
Bauen) merkwürdig mit einer überidealistisch-sentimentalen Auffassung der Rolle
der Kunst im gesellschaftlichen Zusammenhang und der schöpferischen Tätigkeit
des Künstlers, für die jede Unterordnung des Künstlers unter die Anregungen
eines Auftraggebers schon als verwerfliche Fälschung des rein geistigen Wesens
der Kunst gilt. Das Büchlein will offenbar weniger eine schlichte Beschreibung der
gegenwärtigen Kunst als eine Genetik, Morphologie und Systematik der jüngsten
Stiltendenzen geben; es stellt sich damit eine Aufgabe, die auch dann nicht zu
lösen gewesen wäre, wenn der Verfasser nicht die Hälfte der ihm zugebilligten
Bogen mit kaum Hierhergehörigem gefüllt hätte. Und gerade im beschreibenden
Teil des Büchleins liegt sein eigentlicher Wert, hier gelingt manch gute Beob-
achtung (so im Abschnitt über die Baukunst, wo an Hand einer Besprechung
der Wiener Gemeindebauten manches Aufschlußreiche über die jüngste Archi-
tektur vorgebracht wird). Die Genetik leidet unter gewissen Zwängen des hier
vertretenen Standpunkts der Strzygowskischule, für die Asien das Mutterland der
meisten Kunstformen ist. Die Systematik wird durch den Umstand beeinträchtigt,
daß sich der Autor bemüßigt fühlt, die wichtigsten Grundbegriffe neu zu be-
stimmen, wobei ihm, da er von der auf diesem Gebiet geleisteten theoretischen Be-
griffsarbeit wenig weiß, allerhand Denkfehler unterlaufen.

Wien. Friedrich Kainz.
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