Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 29.1935

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Besprechungen.

Robert F. Arnold: Reden und Studien. Wilhelm Braumüller, Wien,
Leipzig 1932.

Es liegt hier eine dem bekannten Wiener Literarhistoriker Robert F. Arnold
vom Kreise seiner Anhänger gewidmete Geburtstagsgabe vor. Sie gibt in sorg-
samster Zusammenstellung ein aus kleineren Abhandlungen zusammengefügtes
Mosaikbild von der gediegenen Lebensleistung eines Wissenschaftlers. Und darüber
hinaus läßt sie nachdrücklich die Züge einer Persönlichkeit hervortreten, deren
Fähigkeit zum Enthusiasmus die Überzeugung erweckt, daß hier einem Menschen
die Sterne am Himmel der Dichtkunst in echtem und ungetrübtem Glänze leuchten.
Damit aber verliert der Leser (selbst einer thematisch eine gewisse Trockenheit be-
dingenden Abhandlung) in äußerst wohltätiger Weise das Mißtrauen, daß durch die
notwendige Einzelanalyse das ästhetische Urphänomen als solches erstickt werden
könnte. Ein Mißtrauen, das zünftiger Literarhistorie gegenüber vielleicht nicht
immer eine Vermessenheit gescholten werden könnte. Jede der mannigfaltigen Er-
örterungen, die in der Ausgabe zusammengeflochten worden sind, vermittelt diesen
Eindruck, den nämlich, daß hinter ihr ein unmittelbares Glühen steht und ein
Wissen von Stunden des Überwältigtseins. Und so kann auch der, der nicht den
persönlichen Vortrag des Universitätsprofessors Arnold gehört hat, zu der Gewiß-
heit kommen, daß unter seiner Führung der Kreis der Schüler nicht um den Primat
des Erlebens gegenüber der theoretischen Eingliederung gebracht worden ist. Was
eine solche Leistung des direkten Aufweisens einer Welt von unermeßlichen Werten
bedeutet, wird jeder dankbar begreifen, der sich zuerst an dem Zaun hölzerner
Didaktik und nüchternen Schematismus mattstoßen mußte, sei es auf der niederen
oder höchsten Schule, um in einer begnadeten Stunde doch allein und spontan den
Weg in die blühenden Gärten der großen Literatur zu finden.

Kein Zweifel ist daneben, daß das Sammelwerkchen auch Proben gediegenster
handwerklicher Zunftarbeit aufweist. So etwa die Analyse typischer Züge des
dänischen Märchens, der Verfolg des Turandotmotivs, die Beleuchtung der mannig-
fachen Seiten des Genies Lessing, des Sprachschöpfers Goethe, des Bühnenproblems
Faust. Überall hier ist das Netz der Wissenschaft sorgsam gewoben, durch Chrono-
logie, Materialbreite und Quellenbezug gesichert, und doch freut man sich immer
von neuem über Durchbrüche des Temperaments, der reinen Freude an den Dingen
selbst. Nie ein Vergessen, wie turmhoch das Schöpfertum der Großen über dem
Epigonentum derer steht, die es wagen, hier zu registrieren.

In weiterer Mannigfaltigkeit kommt zur Darstellung die Behandlung des
Faustmotivs neben und nach Goethe — auch hier ein Erlebnis von der Magie eines
der größten Themen der Welt vermittelnd.

Von innerer triebhafter Mitfreude an den Vielseitigkeiten eines überaus reichen
Lebens zeugt dann ein Bericht über die Wander jähre Arndts. Hier offenbart sich
Fähigkeit zu sehr lebendiger Synthese von Individualbiographie, allgemeiner Historie
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