Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 29.1935

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BESPRECHUNGEN

Jose Jordan de Urries y Azara: Resumen de Teoria general
d e 1 arte; Sekunda parte — I: La creaciön artistica y la obra de arte. Madrid,
Libreria general de Victoriano Suärez, 1933.

Das Bändchen ist, wie der Titel zeigt, ein Teil einer Allgemeinen Theorie der
Kunst. Ein erstes Bändchen handelte von der Kunst und ihren Normen, ein drittes soll
ein System der Künste enthalten. Um der Leistung gerecht zu werden, muß sie an der
Absicht des Verfassers gemessen werden: es ging dem Verfasser nicht um neue For-
schungen oder neue Theorien, sondern bloß darum, seinen spanischen Lesern den
Stand der Allgemeinen Kunstwissenschaft vorzuführen: ofrecer a los lectores espano-
les un resumen de lo mäs substancioso que los esteticos contemporäneos dicen sobre
los diferentes puntos de teoria artistica (S. 163/64). Dabei steht das auf deutschem
Boden Geleistete weitaus im Vordergrunde: Dessoir, Lipps, Meumann, Müller-Freien-
fels, Volkelt sind die wichtigsten Gewährsmänner des Verfassers. Das Bändchen ist
also, ohne es ausdrücklich zu sagen, ein beredtes Loblied deutscher Wissenschaft und
verdient schon aus diesem Grunde unseren Dank (auch wenn der Setzer, deutsche
Namen und Buchtitel verballhornend, den Angaben des Verfassers manches Schnipp-
chen schlug). Der Verfasser, Professor der Ästhetik an der Universität Madrid und
anhänglicher Schüler Menendez y Pelayos (s. S. 39, Fußnote), zieht gelegentlich aber
auch das in andern Ländern Geleistete heran; wo er (etwa gegen B. Croce und dessen
weitgetriebene Ausdruckstheorie oder dessen „afän demoledor", S. 244) polemisiert,
geschieht es mit zweifellosem Recht.

Der Verfasser handelt in einem ersten Abschnitt, der etwa 2 Drittel seiner Dar-
legungen ausmacht, vom Kunstschaffen, im 2. Abschnitt vom Kunstwerk als solchem.
Die Gliederung der Abhandlung über das Kunstschaffen in die 4 Kapitel: Beweg-
gründe des Kunstschaffens, Psychologie des Kunstschaffens, Vorgang der Schöpfung,
Der Künstler, ist ziemlich schematisch durchgeführt. Die Erkenntnisse der neueren
Ganzheitspsychologie sind auch in den Einzeldarlegungen mit ihrem starken Bestre-
ben nach Elementenanalyse nicht berücksichtigt. Mit den gegebenen Abgrenzungen des
Künstlerischen vom Nichtkünstlerischen aber kann man sich durchaus einverstanden
erklären. Ebenso wird das Problem „Genie und Wahnsinn" (Psychose und Kunst-
schaffen) verständig resümiert. Anderes dagegen mutet einigermaßen primitiv an, so
etwa S. 161/162 die Bemerkungen über die Erziehung zum Künstler.

Den Einwand allzu formelhafter Unterscheidungen wird man auch gegen den
2. Abschnitt des Büchleins, die Behandlung des Kunstwerkes selbst, erheben dürfen.
Das Streben nach Klarheit geht auf Kosten lebendiger Beobachtung. Nicht auf der
Höhe der Forschung stehen, trotz grundsätzlich richtiger Einsicht (S. 272), die
Bemerkungen über die Dichtung (S. 231, S. 239 und an andern Stellen). Die neuere
Sprach- und Stiltheorie ist sehr viel weiter als in dem Bändchen erkennbar wird.

Trotz solcher Einschränkungen ist zu hoffen, daß das Werkchen im Heimatlande
des Verfassers manche Anregung verbreiten wird.

Wien. Emil Winkler.

Bald nach der Veröffentlichung dieses Buches ist Urries gestorben. Er gehörte zu
den wenigen Ausländern, die an allen unsern Kongressen teilgenommen haben. Stän-
dig stand er in Beziehung zur deutschen Wissenschaft; mir selber war er ein treuer
Freund. Wir wollen seiner in Dankbarkeit gedenken. M. D.
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