Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 29.1935

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BESPRECHUNGEN

Außerordentlich gut lassen sich die Gradabstufungen der Wiedergabemöglich-
keit weiter studieren an der Sonettform als der vielleicht empfindlichsten aller For-
men der Lyrik. Die Übertragungen nach Petracra und Michelangelo zeigen ein be-
wundernswertes Bemühen um die Nachahmung der schwierigen Formgesetze, und
doch wird man sagen müssen, daß Weiche und Schönheit des Originals hier in keinem
Falle annähernd erreicht werden. Dem Shakespearesonett (Oh Never say that I was
false of heart) scheint sich die verwandte Sprache besser anfügen zu können.

Bei der Edward-Ballade fällt besonders der Unterschied auf zwischen den Über-
tragungen, die den eindringlichen und nicht eben schwierig wiederzugebenden Wie-
derholungsrhythmus des schottischen Textes nachahmen, und denen, die das Balla-
deske des Stoffes in eine eigene Form gebracht haben. (Platen, Fontane.)

Es folgt Macphersons „Star of the falling night" in Prosaübertragungen, dar-
unter die wundervollen Goethes, und in mehr oder weniger starken metrischen Bin-
dungen, und Burns Findlaygedicht, unter anderem auch in Dialekten wiedergegeben.

Den Endakzent des Ganzen bilden mystische und träumerische Klänge: Baude-
laires Sonett auf die Schönheit, vielfach wundervoll gepackt von unseren Modernen
— es finden sich die Namen Georges, Zweigs und Hausers — dann Verlaine und end-
lich Swinburne. Und die zeitliche Nähe von Dichter und Übertrager läßt hier wieder
eine neue Fülle von Fragen entstehen und rundet so das Gefilde der Anregungen,
die die Sammlung bietet, in glücklichster Weise ab.

Berlin. Katharina Heufelder.

Wilhelm Diltheys Gesammelte Schriften. 9. Bd. Pädagogik. Ge-
schichte und Grundlinien des Systems. 1934. B. G. Teubner, Leipzig.

Der neue Band von Diltheys gesammelten Schriften behandelt ein anderes Gebiet
als das in unserer Zeitschrift gepflegte, er enthält nicht einmal Betrachtungen zur
Kunsterziehung und nur wenige Hinweise auf das Ästhetische. Dennoch sei die Auf-
merksamkeit unserer Leser auf das Buch gelenkt, weil es die uns so ehrwürdige Per-
sönlichkeit Diltheys von einer neuen Seite zeigt. Es ist wichtig zu erfahren, daß
Dilthey die Aufgabe der Erziehung im Zusammenhang von Volk und Staat sah, nicht
bloß in dem Verhältnis von Eltern und Lehrern zu den Kindern. Den geschichtlichen
Zusammenhang aber erkannte er als wechselnd und vergänglich; so entstand ihm die
Frage, wie die völkische und gesellschaftliche Bedingtheit des Erziehungswesens in
Einklang zu bringen sei mit der unveränderten Zielsetzung und ebenso mit dem wis-
senschaftlichen Geist, der in einer stetigen Entwickelung begriffen ist. Die Lösung
des Problems ist Dilthey hier ebensowenig gelungen wie in Rücksicht auf die Kunst.
Immerhin ist auch in der vorliegenden Veröffentlichung aus dem Nachlasse ein be-
wundernswerter Reichtum an geschichtlichen und psychologischen Einsichten ent-
halten.

Berlin.

Max Dessoir.
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