Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 30.1936

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im Kosmos, in seiner strengen Gesetzmäßigkeit, nie etwas anderes als eine Gestalt-
werdung, eine Manifestation der Gottesidee, als „der Gottheit lebendiges Kleid".
Es ist aber etwas völlig anderes, ob ich glaube, es nur mit „Kraft und Stoff" zu tun
zu haben, oder ob ich überzeugt bin, einer von Gott sinnvoll nach strengsten Ge-
setzen geordneten Welt gegenüberzustehen, in der es, wie Leibniz lehrt, überhaupt
keine Materie gibt, sondern nur Manifestationen, Ausstrahlungen Gottes, und wenn
demzufolge jeder Künstler es als eine geradezu religiöse Forderung betrachtet, seine
Werke nach den gleichen oder adäquaten strengen Gesetzen zu gliedern, nach denen
der Weltschöpfer den Kosmos ordnete.

Es ist kein Zweifel, daß der Künstler des Barock sich aus innerem Zwange unter
dieses Gesetz stellte, das geboren war aus dem besonderen religiös-philosophischen
Weltbild jener Epoche. Für ihn ist jede Form ein Gleichnis, ein Abbild des Ewigen,
und dasjenige Kunstwerk schien ihm das vollkommenste zu sein, das am strengsten
nach den gleichen rhythmischen Gesetzen gebildet war, die man staunend und an-
betend als im Reiche der Natur herrschend festgestellt hatte. Das Kunstwerk als
Mikrokosmos, ähnlich dem Menschen nur ein Abbild, ein Gleichnis des Makrokosmos!
Das war die erschütternde, aufwühlend große Entdeckung jener Zeit; und es ist
nicht unsere Sache, zu untersuchen, inwieweit diese Anschauung resp. Forderung
richtig oder falsch war, sondern uns bleibt nur, zu erkennen, wie fruchtbar und
schöpferisch dieser Glaube war. —

Der Wortführer des Musikerstandes jener Zeit, Werkmeister, führt im Anschluß
an die Leibnizsche Philosophie, die ja keine Gedankenkonstruktion war, sondern die
nur die von Allen geteilte religiös fundierte philosophische Weltanschauung jener
Zeit zum klarsten Ausdruck brachte, die Musik zurück auf die ursprüngliche Freude
an der Gesetzmäßigkeit, an der Harmonie der Zahlen. Somit stelle die Musik, erklärt
er, nichts als eine „gute Ordnung" dar. Wenn diese gute Ordnung den Menschen
durch die Musik vorgetragen werde, so erfreue sich der Mensch, weil ihm sein Eben-
bild und die Weisheit Gottes dargestellt werde. Je vollkommener eine Ordnung sei,
je strenger eine musikalische Form, desto schöner, gottnaher sei sie. Und so kommt
er zu dem Satz: „Ein wohl proportionierter Mensch hat die musikalischen proportio-
nes in seinen Gliedern. Musik ist also ein Spiegel der göttlichen Geschöpfe, ja, Gottes
Ebenbild selbst, weil sie in solcher Form und Proportion wie der Mensch bestehet".

Hier wird also im Anschluß an die Leibnizsche Lehre die Forderung erhoben,
daß eine musikalische Komposition am besten nach dem gleichen Formenprinzip zu
gliedern sei, das den Bau des Mikrokosmos wie des „Mikrokosmos", also des mensch-
lichen Körpers, beherrsche.

Wie sehr derartige Vorstellungen Allgemeingut des Bach-Zeitalters waren, davon
geben zahlreiche ähnliche Äußerungen damaliger Theoretiker und Komponisten
Kunde. Es ist ferner überaus bezeichnend, daß der Bachschüler Mizler eine „Musi-
kalische Sozietät" gründen konnte, eine wissenschaftliche Gesellschaft, deren Präsi-
dent ein Mann wie Euler war, der Haendel als Ehrenmitglied und Bach als ordent-
liches Mitglied angehörten, der der Schöpfer der „Matthäuspassion" einige kunst-
volle Kanons als „wissenschaftlichen Beitrag" widmete und die es sich zur Aufgabe
machte, das Wesen der musikalischen Form, mit anderen Worten: den Zusammen-
hang zwischen Musik und Mathematik wissenschaftlich zu erforschen.

Jenes Grundgesetz aber, nach dem der Kosmos sowohl wie der menschliche Kör-
per gegliedert ist, ist bekannt unter dem Namen „Der Goldene Schnitt" (vgl. die For-
schungen von Luca Pacinoli, A. Zeising, Th. Fechner, J. Bochenek u. a., sowie die
Bemühungen um die Erkenntnis dieses die gesamte antike Kunst völlig beherrschen-
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