Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 30.1936

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eine Schönheit oder irgendwelche schönen Gegenstände, nicht irgendein Genuß und
auch nicht die Kunst allein —, sondern ein bestimmtes großes Lebensgebiet, welches
wir eben das ästhetische Lebensgebiet nennen. Was alles dieses Lebensgebiet um-
faßt, wie seine Grenzen zu ziehen bzw. gezogen sind und welche innere Natur es hat,
das wissen wir im voraus nicht genauer. Alles dies soll eben erst in der Ästhetik
selbst klargelegt werden" (154).

Während nun die Untersuchungen über das Assoziationsproblem in der Ästhetik
und über die Frage der Anschaulichkeit der dichterischen Sprache sowie über die
ästhetische Modifikationslehre bedeutungsvolle Einzelforschungen aus dem Gebiet der
Ästhetik vorlegen, rührt die Frage nach Form oder Inhalt als Gegenstand der
Ästhetik nochmals an die Grundlagen. Eine weitausgreifende historische Erörterung
kommt zu der Einsicht, daß der Streit der Form- und Inhaltsästhetiker gegeneinander
selten klare Fronten und kein klares Bewußtsein der eigentlichen Streitfrage zeigt.
Diese sieht L. vor allem dadurch verwirrt, daß man vom Inhalt zu sprechen und den
Stoff oder Gegenstand zu meinen pflegt (293). Dadurch wird die Alternative in die
Richtung gedrängt, es sei mit dem Inhalt das Was, mit der Form das Wie gemeint,
wobei dann naturgemäß die Entscheidung zugunsten der Form fällt. Inhalt und Form
des ästhetischen Gegenstandes aber können nicht wirklich durch Was und Wie erklärt
werden (296). L. kommt daher zu einer eigenen Bestimmung dieser Begriffe, indem
er als Form die Art der Zusammensetzung der Teile eines Ganzen, ihre gegenseiti-
gen Verhältnisse, ihre Zusammenstimmung bezeichnet, während Inhalt den Inbegriff
der Teile als solchen, die Materie des Gegenstandes außerhalb der Zusammensetzung
bedeutet. Da nun „der Inhalt und die Form beide auf demselben LTmstand, nämlich
auf der Art der Zusammenstellung der Teile" beruhen (308 f.), sind sie für eine
Wesensbestimmung des Ästhetischen und Künstlerischen nur gewaltsam auseinander-
zureißen. L. nähert sich der Theorie Hegels und erklärt: „Die Form des Kunstwerks
besteht wirklich in der sinnlich-bildlichen Gestaltung des Inhalts. Auch die Begriffs-
bestimmung des Inhalts zielt auf das Richtige. Der Inhalt des Kunstwerks besteht
tatsächlich in der »Idee«, soweit unter Idee die erfaßte und erlebte Bedeutung des
sinnlich Wahrnehmbaren, d. h. der darin zum Ausdruck kommenden geistigen Werte
verstanden wird" (323). Von hier aus kommt L. schließlich zu einer Abweisung der
formalistischen Kunsttheorien. „Die allgemeine Aufgabe der Kunst besteht eben
darin, uns die innerste Bedeutung der Dinge und des ganzen Daseins auf die intimste
und tiefste Weise erfassen und unmittelbar fühlend erleben zu lassen, und auf der
Erfüllung dieser Aufgabe beruht die hohe Bedeutung der Kunst für das Menschen-
leben" (334).

Durch seine eindringlichen Erörterungen im ganzen hat der Autor reinigend
und klärend, zugleich weithin festigend und fördernd für Ästhetik und Kunstphilo-
sophie gewirkt. Eine in solchem Sinne sachbewußt und denkstark geführte Forschung
muß auf das dankbarste begrüßt werden und wird hoffentlich in verwandtem Geist
strebende Nachfolge finden.

Hamburg. Werner Ziegenfuß.

M. Alpatov u. N. Brunov: Geschichte der altrussischen Kunst.

(Textband 423 S. Tafelband 341 Abb.)
OskarWulff:DieNeurussischeKunstimRahmenderKultur-

entwicklung von Peter dem Großen bis zur Revolution.

(Textband XVIII u. 361 S. Tafelband 472 Abb.)

Dr. Benno Filser Verlag G. m. b. H. Augsburg [1932].
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