Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 30.1936

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BESPRECHUNGEN

Liebe, Wir sind gegen das Drama — für die Anleitung zum Handeln, Wir sind
gegen das Bild — für das Vorbild."

Der Mann der Verwirklichung ist nicht der Dichter, sondern der Propa-
gandist, der Literat steht im Dienste des Staatsaufbaues, um „durch Worte Er-
eignisse zu machen" (Hiller). Und Rubiner verherrlicht den Mann der Propa-
ganda: „Es lebe die Stimme! Die Stimme für die anderen! Es lebe das Wort hell
wie Cornetsignal! Es lebe der runde geöffnete Mund, der laut gellt: Es lebe der
Führer! Es lebe der Literat!"

Es geht dem Aktivisten um den Nutzen der Meisten, den er durch die Diktatur
der Vernunft für verwirklichbar hält. Kunst ist Umweg. „Es gehöre eine gewisse
innere Verdummung dazu, heute noch Kunstwerke in die Welt zu setzen" (Döblin).

Dies ist gegen den Expressionisten gesagt, der das Kunstwerk als Vorstufe
zum Schöpfertum preist, der weiß, daß „Künstlerleben Selbstverwandlung ist" (O.
Wilde). „Gott ist nirgends zu finden, als in der Begegnung mit sich selbst" (Rene
Schickele). „Kunst ist eine Etappe zu Gott" (Edschmid). Ziel ist „nicht ein end-
liches Paradies, sondern unendliche Steigerung des Menschlichen" (Werfel). Der
Expressionist verkündet, nicht auf ein abstraktes Kollektiv, auf Gemeinschaft und
Brüderschaft komme es an. Gemeinschaft aber fängt beim Einzelnen an, Verwand-
lung allein sei Sinn des Lebens. Programme der Aktivisten werden abgelehnt. Sie
seien „von der Abstraktion zum Wahnsinn verführt" (Werfel).

Bei dieser Kritik horchen wir auf. Sollte die Leitkraft des Aktivismus wirk-
lich ratio sein? Paulsen glaubt zu sehr den Programmen der „Erlöser-Litera-
ten". Nein, extatischer Wille ist das Movens des Aktivismus, wie Gefühlsüber-
schwang das des Expressionisten ist, ein konvulsivischer, machtgieriger Wille der
im „Satze" der Abstraktion, von Doktrinen besessen, zum Ziel springt. Willens-
taumel ist hier primär. Er wird logisiert und programmatisch motiviert, tatsüch-
tiger Wille setzt die Larve des Geistes auf, aber jedes überredende, werbende
Wort fängt, schlägt, bändigt, geißelt. Rubiner meint: Denken tue das Wunder,
nein: Wille will Wunder wirken.

Der Aktivist mißachtet den Seelenraum. Er sei „ein Zufluchtsort, eine geheime
Ecke, ein Schatz ..., ein Erreichtes, ein Ausruhplatz". Der Aktivist erträgt das
langsamere Tempo des organischen Wachstums nicht. Wille rase mit Maschinen-
magie. Der mechanisierte Mensch ist die Artung Wesen, die ins „irdische Para-
dies" paßt. Johannes Becher, vormals extatischer Dichter religiöser Ausbrüche,
sinkt zu dem Ausspruch hinab: „Ein schlecht gemachtes Propagandastück...
erscheint uns heute immerhin beiweitem gewichtiger als das ziselierteste, gleitendste
Rilke-Gebild."

Im schroffsten Gegensatze glaubt der Expressionist nur an die innre Stimme:
„Man muß an die Berufung mehr glauben als ans Programm". Mitgerissen wer-
den über jede Meßbarkeit, Chaos erobern, sei es mit Gefahr, von Dämonen über-
rannt zu werden, Verinnerlichung, Verwandlung, Umkehr ist das Erhoffte. Wie
kann Gemeinschaft werden, „wenn euer Menschtum ein Embryo blieb?" Es geht
um Erneuerung, der Weg gebietet: Einstieg in sich selbst, Selbstentdeckung, An-
blick des Abgrunds.

„In mir Gewölk
Und ewger Wind,
In mir Gezücht
Und Ottern sind."

(Hanns Johst.)

Bereitschaft zu leidender Selbstentdeckung läßt diese Extatiker Dostojewsky
zum Paten ausrufen, ihn, der seine Handlungen aus der dämonischen Zweideutig-
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